Home Dorf St. Idda Schule/Freizeit Pflanzen/Tiere Stimmungsbilder Ereignisse Dampfschiffe Urnersee Umgebung Früher Uri Spezial Bauen Tourismus

 

Willkommen in früheren Zeiten

 

Bitte gewünschtes Kapitel meiner privaten Homepage anklicken:

Die Geschichte des Dorfes Bauen am Urnersee Kurzfassung

1760 Kritisches Buch über Wilhelm Tell in Uri verbrannt
1802 Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 von Johann Gottfried Seume
1823: Dampfschiff "Guillaume Tell" befährt den Genfer See / Erstes Dampfschiff in der Schweiz
1833: Karl Franz Lusser über Flüelen und seine Schifffahrt
1836: Heinrich Zschokke beschreibt die neue Gotthardstrasse
1849 / In 50 Stunden von Basel nach Mailand
1850 Victor von Scheffel / Ein Bericht aus der Schweiz / Von Flüelen bis zum Gotthard-Hospiz
1886 Alphonse Daudet / Tartarin in den Alpen
1902: Autofahrt über den Gotthard mit Hindernissen und Spesen, damals aber garantiert ohne Stau
1908 Dezember Mitteilungen vom Verkehrsverein Uri
1909 Februar / Welche Arbeit leistet man beim Tanzen?
1909 August / Grenzbereinigung zwischen Uri und Schwyz
1909 Oktober / Postbetrieb und Pferdeschutz
1909 Dezember / Militär Skikurs in Andermatt
1911 September / Um den Gotthard herum
1911 17. November: Isleten - ein Ort mit Sprengkraft
1911 November, Erdbeben, Kanarianvogel fällt vom Stenglein
Ca. 1926: Der Satiriker Moszkowski erlebt Wintersport, Eiseskälte und den angeblich ewig blauen Himmel über dem Gotthard
1943 Max Frisch im Urnerland
1958 Urner Wochenblatt Blumenverkauf auf Passstrassen
1959 September / Neue Strassenbeleuchtung in Bürglen
1965 18. April - acht Pfadfinder aus Bergnot gerettet


Wilhelm Tell in Altdorf

1760 Kritisches Buch über Wilhelm Tell in Uri verbrannt

Anonym veröffentlicht der Berner Uriel Freudenberger die Schrift "Der Wilhelm Tell. Ein dänisches Mährgen". Er vertritt darin die These, dass die Sage um Wilhelm Tell nichts spezifisch schweizerisches ist, sondern dass das Motiv des Kampfes eines einzelnen gegen den Tyrannen auch in anderen Kulturen auftaucht.

Das Buch erregt grosses Aufsehen und erntet natürlich auch scharfe Kritik. Die Schrift wird verboten und in Uri durch einen Scharfrichter verbrannt. Die Person des Wilhelm Tell hat schon vielfach die Gemüter beschäftigt.

Ulrich Zwingli erklärte 1525, Tell sei ein "gottkräftig held und erster anheber eidgenössischer fryheit..." gewesen

Auch politisch wurde die Tell-Figur ausgenützt: Beim Bauernaufstand von 1653 verkleideten sich drei Bauern aus dem Entlebuch als Tellen, um an die Tradition des Tyrannenmörders anzuknüpfen.

Tell-Motiv in der Literatur

Um 1200: Ein dänischer Geistlicher namens Saxo verfasst die Sage vom Schützen Toko und dem dänischen König Harald Blauzahn

Um 1470: Das "Weisse Buch" von Sarnen des Obwaldners Hans Schriber gibt die erste Beschreibung von Wilhelm Tell

Vor 1474: Das "Tellenlied" nennt Tell den ersten Eidgenossen

1511: Im "Urner Tellenspiel" wird Tell als einer der drei Bundesgründer bezeichnet.

Quelle: Chronik der Schweiz / ex libris / Chronik Verlag


Stimmung

2008 Spaziergang nach Syrakus von Johann Gottfried Seume

18.Juni 1802

... Wir stiegen also den kommenden Morgen, den achtzehnten Juni, rüstig den Gotthardt hinauf. Es war nach dem Gewitter sehr schlechtes Wetter, kalt und windig, und in den obern Schluchten konnte man vor dem Nebel, und noch weiter hinauf vor dem Schneegestöber, durchaus nichts sehen; links und rechts blickten die beschneiten Gipfel aus der Dunkelheit des Sturms drohend herunter. Nach zwei starken Stunden hatten wir uns auf die obere Fläche hinaufgearbeitet, wo das Kloster und das Wirtshaus steht, und wo man im vorigen Kriege geschlagen hat. Das erste liegt jetzt noch wüst, und der Schnee ist von innen hoch an den Wänden aufgeschichtet; das Wirtshaus ist ziemlich wieder hergestellt, und man hat schon wieder leidliche Bequemlichkeit. Es muss eine herkulische Arbeit gewesen sein, hier nur kleine Artilleriestücke heraufzubringen, und war wohl nur in den wärmsten Sommermonaten möglich. Der Schnee liegt noch jetzt auf dem Wege sehr hoch, und ich fiel einigemal bis an die Brust durch. Den höchsten Gipfel des Berges zu ersteigen würde mir zu nichts gefrommt haben, da man in dem Nebel kaum zwanzig Schritte sehen konnte. Es ist vielleicht in den Annalen der Menschheit aus diesem Kriege ein neues Phänomen, dass man ihn hier zuerst über Wolken und Ungewitter herauftrug: coelum ipsum petimus stultitia. Das Wasser auf der obersten Fläche des Berges hat einen ziemlichen Umfang, denn es giesst sich rund umher die Ausbeute des Regens und Schnees von den höchsten Felsen in den See, aus dem sodann die Flüsse nach mehreren Seiten hinabrauschen. Es müsste das grösste Vergnügen sein, einige Jahre nacheinander Alpenwanderungen machen zu können. Welche Verschiedenheit der Gemälde hat nicht allein der Gotthardt? Kornfelder wogen um seine Füsse, Herden weiden um seine Knie, Wälder umgürten seine Lenden, wo das Wild durch die Schluchten stürzt; Ungewitter donnern um seine Schultern, von denen die Flüsse nach allen Meeren herabstürmen, und das Haupt des Adula schwimmt in Sonnenstrahlen. Das gestrige Gewitter mochte vielleicht Ursache des heutigen schrecklichen Wetters sein: doch war die Veränderung so schnell, dass in einer Viertelstunde manchmal dicker Nebel, Sturm, Schneegestöber, Regen und Sonnenschein war, und sich die Wolken schon wieder von neuem durch die Schluchten drängten. Als ich oben gefrühstückt hatte, ging ich nun auf der deutschen Seite über Sankt Ursel, durch das Ursler Loch und über die Teufelsbrücke herab. Denke Dir das Teufelswetter zu der Teufelsbrücke, wo ich links und rechts kaum einige Klaftern an den Felsen in die Höhe sehen konnte, und Du wirst finden, dass es eine Teufelspartie war: ich möchte aber doch ihre Reminiszenz nicht gern missen. Als wir wieder herabkamen, ward das Wetter heiter und freundlich, und nur einige Schluchten in den furchtbaren Schwarzwäldern waren noch hoch mit Schnee gefüllt, und die Spitzen der Berge weiss.

....Wir schlenderten eine hübsche Partie ab, da wir in einem Tage von Ayrolles den Berg herüber bis herab über Altorf nach Flüren am See gingen. Altorf, das vor einigen Jahren durch den Blitz entzündet wurde und fast ganz abbrannte, wird jetzt recht schön, aber eben so unordentlich wieder aufgebaut. Die Berggegend sollte doch wohl etwas mehr Symmetrie erlauben. Eine Stunde jenseit Altorf war das Wetter sehr heftig aus den Bergen heruntergeschossen und konnte nicht schnell genug den Weg in die Reuss finden, so dass wir eine Viertelstunde ziemlich bis an den Gürtel auf der Strasse im Wasser waten mussten. Es war kein Ausweg. Geht's nicht, so schwimmt man, dachte ich... Den andern Morgen nahm ich ein Boot herüber nach Luzern, ohne weiter den Ort besehen zu haben, wo Tell den Apfel abgeschossen hatte. Nicht weit von der Abfahrt stürzt rechts ein Wasserfall von sehr hohen Felsen herab, nicht weit von Tells Kapelle, und man erzählte mir, dass oben in den Alpen ein beträchtlicher See von dem Wasser der noch höhern Berge wäre, der hier herabflösse. Schade, dass man nicht Zeit hat, hinaufzuklettern; die Partie sieht von unten aus schon sehr romantisch, und oben muss man eine der herrlichsten Aussichten nach der Reuss und dem Waldstädtersee haben. Die Fahrt ist bekannt, und Du findest sie in den meisten Schweizerreisen. In dem seligen Republikchen Gersau frühstückten wir, und die Herren beklagten sich bitter, dass ihnen die Franzosen ihre geliebte Autonomie genommen hatten. Die ganze Fahrt auf dem Wasser herab bis nach Luzern ist eine der schönsten; links und rechts liegen die kleinen Kantone, und höher die Schneealpen, in welche man zuweilen weit, weit hineinsieht...

Anm: Rechtschreibung gemäss Seume


SChifffahrt Bauen Urnersee

1823: Dampfschiff "Guillaume Tell" befährt den Genfer See

28. Mai 1823: Als erstes dampfgetriebenes Schiff der Schweiz wird der von einem US-amerikanischen Ingenieur gebaute Passagierdampfer "Guillaume Tell" in Genf zu Wasser gelassen.

Ein Augenzeuge berichtet eindrucksvoll von der Jungfernfahrt: "Als der 'Wilhelm Tell' diese Rundfahrt zum ersten Mal machte, war das Erstaunen der Uferbewohner beim Anblick dieser neuen Schifffahrt ohne Segel und Ruder grenzenlos.

Alles eilte herbei und bezeugte durch Geschrei und tausende Demonstrationen seine Überraschung; wenig fehlte, so hätte man über Hexerei gezetert. Manche glaubten, der Teufel einzig könne diese wunderbare Maschine treiben... Man sah auch Schiffer, wie sie dem 'Wilhelm Tell' mit Rudern folgen wollten; aber schon in zwei Minuten liess er sie weit hinter sich" (Quelle Chronik der Schweiz / ex libris / Chronik Verlag)


SChifffahrt Flüelen Urnersee

1833: Karl Franz Lusser über Flüelen und seine Schifffahrt

Ein Dorf am Vierwaldstättersee mit 91 Häusern und 552 Einwohnern, der eigentliche Landungsplatz von Ury, eine halbe Stunde von Altdorf entfernt, hat eine geräumige Kirche, ein Zollhaus, und Sust, mehrere Schenk- und Wirtshäuser, worin der Adler und das weisse Kreuz schöne Aussichten auf den See gewähren, und letzteres mit allem Recht als eines der vorzüglichsten des ganzen Landes anempfohlen wird. Chaisen, Pferde und Träger finden die Reisenden dort immer zur Auswahl.

Flüelen ist grösstenteils von Holz erbaut, aber ganz gepflastert und hat einen durch Dämme angelegten geräumigen und sicheren Hafen. Ein grosser Teil der Bevölkerung lebt von der Schiffahrt, welche durch Gesetze geregelt ist, welchen sich alle die in die Schiffergesellschaft aufgenommen werden, unterzeichen müssen, andere nicht in die Gesellschaft getretene Mitglieder dürfen niemanden, wer es sey, über die Grenzen des Kantons hinaus führen. Die Mitglieder fahren nach der Reihe; da ereignet es sich freylich zuweilen, dass es Glieder trifft, deren Äusseres wenig Kraft und Geschicklichkeit, das Schiff zu lenken, verspricht, dennoch dürfen die Reisenden jeder Zeit unbesorgt das Schiff besteigen, indem diese Schiffleute den See und dessen Gefahren gar wohl kennen, und sich nicht leichtsinnig in Gefahr begehen, oder doch derselben alle Mahl zeitig genug ausweichen werden. Auch sind, trotz der steilen Felsufer des Urnersees, Unglücksfälle auf demselben sehr selten, und geschieht hie und da etwa, so trifft dasselbe meistens ein unvorsichtig überladenes Holzschiff.

Für Reisende ist von der Regierung eine Schifftaxe festgesetzt, die in allen Gasthäusern angeschlagen, und von jedermann einzusehen ist. Obwohl das Postschiff, das alle Dienstag und Freytag früh Morgens nach Brunnen fährt, nicht in der Gesellschaft begriffen, so darf es doch Reisende aufnehmen, die 2 Batzen und für Gepäck unter 50 Pfund aber 4 Batzen zahlen.

Eine andere seit uralten Zeiten bestehende Schiffergesellschaft, die Mitglieder aus dem ganzen Lande zählt, fährt wöchentlich am Montag früh mit dem grossen Ury-Nauen nach Luzern, und kehrt Mittwochs zurück, sie fährt alle Kaufmanns- und Transitwaaren hinaus, und bringt Korn und andere Landesbedürfnisse zurück. Kaufmannswaaren aber bringen die Marktschiffe von Luzern, Schwyz, Küssnacht, Beckenried, Buchs und Waldnacht hinein. Reisende bezahlen im Nauen von Flüelen bis Luzern nur 3 Batzen, müssen sich aber gefallen lassen, im Gedränge vielen Volks 8-10 Stunden auf dem See zu seyn, manchen Witz, aber auch viel Dummes zu hören.

Aus: Ansichten der neuen St. Gotthards-Strasse von Flüelen bis Lugano. Nach der Natur gezeichnet und geäzt M. Kälin und J. Sutter, nebst einer Beschreibung von Herrn Lusser M.D. aus Altdorf. Zürich 1833, S. 33f)


Bergbach

1836: Heinrich Zschokke beschreibt die neue Gotthardstrasse

In seinem 1836 erstmals erschienenen Buch "Die klassischen Stellen der Schweiz" beschreibt der Schriftsteller Heinrich Zschokke die neue Gotthardstrasse (Auszug)

"... Sieben grosse und vier kleinere Brücken führen über die Abgründe mit sichern, kühnen Wölbungen. Die erste der Brücken schwingt sich in zwei Bogen beim Dörflein Amsteg ... über die Reuss ... Der Blick durch die erhabenen, steinernen Bogen, thalabwärts, gewährt ein wunderbar liebliches Bild der Landschaft ... Man hielt ehedem den Weg über den Gotthard für eines der erstaunungswürdigsten Riesenwerke menschlicher Kraft und Kunst ... So ist's heute nicht mehr... Das berühmte Urnerloch, jetzt bedeutend erweitert und heller geworden, übertrifft keineswegs an Länge und Breite die mehrfachen Galerien vom Simplon ... Wer in Bünden die Bernhardinstrasse mit ihrem "verlorenen Loch", mit ihrer Via mala; oder wer den verwegenen Bau über den Stelvio bei Bormio sah, findet da nicht weniger zu bewundern, als am Gotthard. Hingegen der Wechsel von angenehmen, landschaftlichen Parthien mit den entsetzlichsten Wildnissen; der Kontrast freundlicher Hütten neben Bächen und Bäumen ... mit schwindelerregenden Abgründen, in deren Tiefen der schäumende Strom zwischen Trümmern des Urgebirgs quillt, wird wohl von keiner der andern Alpenstrassen übertroffen ... Man erblickt den Strom der Reuss, statt tief unter den Füssen, vor sich drohen ... zerschellend im finstern Geklüft, steigt er als Wasserstaub gespenstisch unter dem hohen Bogen der Teufelsbrücke wieder auf ... Und wie der Wanderer, nach etwa hundert Schritten, aus der Dämmerung des Urnerlochs an's Licht des Tages hervortritt, umfängt ihn eine neue Welt ... Man atmet in dieser grossen Abgeschiedenheit von der übrigen Welt, fünfeinhalbtausend Fuss hoch über dem Meere, die reinsten Lüfte. Es ist das Thal Urseren. " (Quelle Chronik der Schweiz / ex libris / Chronik Verlag)


Schifffahrt

1849 / In 50 Stunden von Basel nach Mailand

Der tägliche Eilwagendienst über den Sankt Gotthard wird an die neueröffnete Eisenbahnstrecke Monza - Camerlata angeschlossen. Dadurch vermindert sich die Reisedauer von Basel nach Mailand bei regulärem Betrieb um rund dreieinhalb Stunden auf 49 Stunden und 25 Minuten.

Von Basel nach Mailand

7.30 Uhr: Abfahrt in Basel.

18.05 Uhr: Ankunft in Luzern, Übernachtung und Frühstück.

5.00 Uhr: Abfahrt mit dem Dampfschiff nach Flüelen.

8.00 Uhr: Abfahrt in Flüelen mit dem Gotthard-Postwagen.

13.05 Uhr: Mittag in Andermatt.

15.05 Uhr: Abfahrt vom Hospiz auf dem Sankt Gotthard.

23.05 Uhr: Ankunft in Bellinzona, Weiterfahrt nach einem kurzen Imbiss um 23.20 Uhr.

7.00 Uhr: Ankunft in Camerlata, Weiterfahrt mit der Bahn um 7.40 Uhr nach einem Frühstück.

8.55 Uhr: Ankunft in Mailand

(Quelle Chronik der Schweiz / ex libris / Chronik Verlag)


Uristier

Victor von Scheffel / Episteln / 1850 (?)

Ein Bericht aus der Schweiz

Am 20. August früh 8 Uhr, nach frostiger, nebelgrauer Fahrt über den Vierwaldstättersee See, stiegen wir in Flüelen ans Land und marschierten dem Gotthard entgegen.

In dem nach einer halben Stunde erreichten Altdorf drängt sich bei jedem Schritt und Tritt die Tellensage dem Ungläubigen entgegen. Da ist ein Brunnen mit Tells Standbild, angeblich an Stelle der alten Linde, an welcher des Tellen Sohn den Schuss bestand. Dort am Kirchturm ist in plumpen Fresken neben der Schlacht von Morgarten noch die Tellengeschichte gemalt. Noch ein ander Denkmal steht da, ein Rest von jenem Bauernhochmut, den die östreichischen und burgundischen Spottliedersänger ihrer Zeit so scharf an den biedern Eidgenossen geisselten; neben dem Tellenbrunnen steht eine alte, gewaltig dreinschauende, plumpe Statue im Ritterornate, der Dorfvogt Besler, der sich auf seine eigenen Kosten dem Tell zu Seite stellen liess.

Warum soll nicht auch der Dorfvogt Besler auf die Nachwelt übergehen, seine Mittel erlauben es ja!

Im übrigen sieht man eine Reihe schmucker alter Herrenhäuser in Altdorf. In jedem sitzt ein Z'graggen und eine Z'graggin; wenigstens darf man's mit Grund vermuten.

Was bei uns der celebre Namen Maier oder Müller, das ist unter den Urner Patriziern der Z'graggen; und wer nicht Z'graggen heisst, der heisst Z'berg.

Über Altdorf ist der Bannwald, eine lebende Schirmmauer gegen Steinfall und Lawine, in welchem bei Todesstrafe kein Baum gefällt werden durfte. Dass die Todesstrafe im Lande Uri noch blüht, daran mahnt der pompöse steinerne Galgen in der Feldgemarkung von Altdorf, nicht weit von Bürglen.

Dort mündet auch das Schächental, durch welches der alte Suwarow im Jahr 1799 seine Russen auf fabelhaften Gebirgspässen ins Graubündten hinüberfädelte. Ob nicht naturwissenschaftliches Interesse für Gletscher und wilde Gebirgsgruppen diesen strategischen Operationen zu Grunde lag? Freilich war ihm nach der Schlacht von Zürich jeder andere Ausgang mit Brettern vernagelt, und Suwarow hat gezeigt, dass, wenn einer nur ernstlich will, er mit dem Kopf nicht nur durch die Wand, sondern selbst durch die Alpen rennen kann. Wenn wir in Deutschland auch einmal in ähnliche Enge getrieben sind wie die Russen im Schächen- und Muottatal, dann lernen wir vielleicht das Bergsteigen, aber ein fester Wille gehört dazu.

Die Strasse führt, langsam steigend, durch das noch ziemlich breite und Vegetation entwickelnde Reusstal. Rechts und links steigen hohe, fortlaufende Felswände, an die Martinswand bei Innsbruck erinnernd, auf. was da an der Strasse herumlungert, erinnert nicht an die Sieger von Morgarten. Krüppliges Kretinengeschlecht, aufs Betteln dressiert, das hier in mannigfachen Formen betrieben wird. Da schiesst ein junger Tellen-Enkel mit der Armbrust und ein andrer schwingt ein Fähnlein und fordert seinen Batzen, dort schleppt einer Bergkrystalle bei u. s. w. "Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles."

Gegen Klus und Ansteg hin wird's schon wilder. Die hohe Windgälle und andere konsiderable Honoratioren der "haute volée" recken ihre Häupter empor; auf melancholischer Felswand, grün umwachsen, schauen hinter Silenen ein paar alte Mauertrümmer in die Reuss herunter, die Reste von Gesslers Sitz Zwing-Uri. (...)

Nach dieser stark an eigenen Katzenjammer gemahnenden Episode traten wir vom Zwing-Uri weg in das stattliche Wirtshaus in Amsteg ein. Dass die Melancholie der Gegend noch jetzt Barokkes erzeugt, wurde uns noch am Fuss des Zwing-Uri klar: Ein Wagen mit 4 Engländern kam gefahren; was taten sie, angesichts der Gebirgswelt, angesichts der tobenden Reuss, angesichts dieser historischen Trümmer! Sie spielten Whist im Wagen.

In Amsteg lachte uns, wie der erste Gruss aus Welschland, ein braungelber, süssherber piemonteser Landwein entgegen, von dem wir mit Gesslerischer Wehmut und zum Schreck von 4 feinen, allein reisenden Bremer Damen mehrere Flaschen vertilgten. Dann ging's, am Ausgang des wilden Maderanertals vorüber, von dem der tobende Kerstelenbach in die Reuss strömt, vorwärts. Eine schmucke, zweibogige Brücke führt über die Reuss, und dann geht die Strasse, in prachtvollen Windungen längs der Reuss, oder vielmehr hoch über ihr, scharf bergan. Die Mannigfaltigkeit der einzelnen Partien ist überraschend, Stoff für monatelange landschaftliche Studien. An eine im Tannendunkel verborgene Gebirgsmühle, über der ein Wasserfall den Rädern die Triebkraft zuführt, mit sprühendem Wasserschaum umflort, und dabei ein Blick in die Tiefe der Reuss und in die Höhe, wo kahle Felsgipfel in blauen Himmel ragen, erinnere ich mich lebhaft als an eines der prächtigsten landschaftlichen Bilder.

Mehrmals geht die Strasse auf kühn gesprengten Brücken wieder über die Reuss, die in fortlaufender Kette kleiner Wasserfälle bergab rennt. Vor dem Dorf Wasen arbeitet sich die Reuss durch eine mächtige Felskluft mühsam durch; oben auf der Strassenbrücke stehen Bettler in Masse und werfen Felsstücke in die Schlucht hinunter. Die Wildheit der Szene nötigt abermals zu einem herzstärkenden Trunk piemonteser Landweines.

Hinter Wasen und Wattingen verschwinden allmählich auch die letzten einsamen Tannen und Sträucher, und in dem Engpass der Schöllinen hört so zu sagen alles auf. Hier war der Natur alles Beiwerk überflüssig, hier hat sie nur in Stein gearbeitet, aber in Formen und Dimensionen, die etwas herzzerpressend auf den homo sapiens Linnäi einwirken, der durchmarschiert. Riesenhafte Felsblöcke liegen in wilder Unordnung herabgestürzt im Tal, andere schauen halb abgelöst von den Höhen der Felswände herunter, unten kracht und tobt die Reuss.

Auch hier ist eine Episode nötig, um naturgeschichtliche Vorurteile zu beseitigen. Warum liegt so mancher Block, der hoch oben als Kuppe gethront, lebensmüde und gebrochen im Tal? Ist's bloss das Schneewasser, das, in seinen Ritzen wühlend, ihn herabgestürzt hat, oder ist's der Föhn?

Über das Seelenleben der Pflanzen hat ein Tübinger Doktor ein grosses Buch geschrieben; aber an das Seelenleben der Felsen hat noch keiner gedacht. Ich bin überzeugt, dass dieselben Ursachen, die den germanischen Menschen in dieser Teufelsnatur zu Gesslerischen Taten trieben, auch den Fels in die Tiefe stürzten. Die Melancholie wirkt gar gewaltig. Man denke sich so einen Felsriesen oben auf seiner nebelumwölkten Höhe, nichts als gleiches Gestein um sich; in Fels hat zwar ein etwas schwer zugängliches Gemüt, nicht jeder momentane Eindruck regt ihn auf, aber wenn einer einen jahrtausendelangen Schmerz auszubrüten hat wie ein solcher Fels, oder an einer jahrtausendelangen Liebe zehrt, etwa nach dem Haidekraut, das unten in dem Schaum der Reuss noch seine roten Glöcklein lockend aufspriessen lässt, oder nach dem unstät fortbrausenden Wasser, das täglich höhnend an ihm vorüber eilt, dann muss es endlich auch bei einem alten, harten Felsengemüt zum Durchbruch kommen.

Er seufzt schweigend, löst sich los von seinen Banden und stürzt sich, ein Opfer der Melancholie, talabwärts, und hat er etwa das Haidekraut erdrückt, oder sprudelt das Reusswasser nach wie vor höhnisch an ihm vorüber, so bricht das alte Herz und stirbt.

Beim Eingang ins Schöllinental lag ein ungeheurer Felsmelancholiker herabgestürzt, der turmhohe Teufelsstein.

Wir hielten in stiller Rührung und tranken ihm aus der Feldflasche einen teilnahmsvollen Schnaps zu.

Aber die Felswand schien's nicht gut aufzunehmen, dass wir die Herzensgeheimnisse ihres Kollegen aufgedeckt. Immer drohender und enger wurde der Pass, lauter krachte die Reuss, und ein feiner Nebel kam hinter uns drein, so dass die Ungewissheit der im Nebel verschwimmenden Formen das Gewaltige des Eindruckes bis zu einem Grade erhöhte, der an Unbehaglichkeit grenzte. So mitten auf früheren Schlachtfeldern elementarischer Kräfte fühlt der Kulturmensch, dass er eigentlich nicht mehr hieher passt.

Den Schluss des Schauerlichen bildete die Teufelsbrücke. Senkrechte Felswände, deren Umrisse sich im Nebel verloren, auf beiden Seiten; dazwischen die neue Brücke und unter dieser die alte, einst von den Österreichern 1799 nach blutigem Gefecht gesprengt, alles in schweigsamem Nebel, durch welchen silberhell der Schaum des Reussfalls, der mehr als 100 Fuss in die Tiefe hinab tobt, vorglänzt: der Wanderer schwieg, und selbst der Schnaps aus der Feldflasche, mit welchem wir sonst grosse Szenen zu begrüssen pflegten, schien profan. (...)

Durch den stattlichen Felstunnel des Urner Lochs schritten wir noch, dann wurd's wieder breit und weich vor dem Blick; wir waren im Urserental, einem reichen Weideland, freilich schon 4000 Fuss hoch. Im Hospital fanden wir Unterkommen für die Nacht, ein komfortables Souper nach unserem Gebirgsmarsch, und neben viel unerträglichem Engländervolk auch die vier bremischen Damen, mit deren einer ich mich in norddeutschem Salonstil über Schiller und Goethe, sowie über Jean Pauls Titan und den ewigen Frühling der borromäischen Inseln zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit, meinerseits aber mit etwas ironisch verzogenen Mundwinkeln unterhielt.

Am andern Morgen war das Urserental in gelinden Regen eingehüllt, so dass uns weder der alte Longobardenturm, der über dem Hospital aus einigen Felsblöcken vorragt, noch die moderne Kellnerin, die im Pariser Hut das Frühstück servierte, in gute Wanderstimmung versetzen konnten. Wir zogen zuletzt doch ab, entschlossen, wie einst Suwarow den Gotthardübergang zu forcieren.

Die neue Strasse windet sich in mannigfachen Biegungen in die Höhe, das Gebirg selbst wird öd und kahl, die Vegetation hört auf; da und dort Trümmer von Steinlawinen und Felsstürzen von den Bergwänden; schön ist die Landschaft keineswegs, auch nicht grossartig im Stil der Teufelsbrücke. Vor uns lagerten dichte Nebelwolken auf den Kuppen der Berge, rückwärts war blauer Himmel, und die Gipfel des Urirotstockes und anderer Häupter prangten in hellem Sonnenblick. Ein Stück weit zogen wir den mit Gras überwachsenen Spuren der frühem Strasse nach, längs der Reuss hin, die im See oben beim Hospiz entspringt; Menschen waren keine mehr in dieser Region zu ersehen; zwei grosse, schnuppernde Bernhardinerhunde kamen uns entgegen und gaben ein Stück weit das Geleite. Aus der Höhe des Berges pfiff ein scharfer Wind, und bald fiel ein penetranter Nebel nieder, der bis auf die Haut durchnässte.

Auf der Fläche des Berges, oder eigentlich der Gebirgskette, denn der Gotthard ist kein einzelner Berg, liegt das Hospiz bei zwei kleinen Seen, deren einer die Reuss nach dem Vierwaldstätter See, der andere den Tessin südwärts ausgiesst.

Massen von altem, hartgewordenem Schnee lagen auf der Strasse; endlich befanden wir uns wieder vor menschlichen Wohnungen, das Hospiz war erreicht. (...)


Dampfschiff Uri

1886 Alphonse Daudet / Aus: Tartarin in den Alpen / Verlag von H.Le Soudier 1886

...Auf Rigi-Kulm hatte er den Schnee verlassen. Unten, am See, traf er wieder den feinen, dichten, unerschöpflichen Landregen an, durch dessen Schleier die Berge wie in verwischter Kreidezeichnung gleich fernen Wolken sich ausnahmen.

Der Föhn wehte. Auf dem See stürmten die weissen Schaumwellen dahin, auf denen die niedrig fliegenden Möwen sich zu wiegen schienen. Man hätte sich auf offnem Meere glauben mögen. Und Tartarin erinnerte sich des Tages, als er vor fünfzehn Jahren, zur Löwenjagd gehend, aus dem Hafen von Marseille hinausfuhr, dachte des wolkenlosen, von goldnem Lichte strahlenden Himmels, des blauen, aber wahrhaft indigo-blauen Meeres, das vom Mistral mit Millionen weissblitzender Krausen und Schleifen herausgeputzt war, und dazu die Trompeten der Forts, das Läuten sämmtlicher Glocken, der Rausch, die Freude, die Sonne, die Zauber der ersten Reise!

Welcher Unterschied mit dem von der Feuchtigkeit geschwärzten, fast verlassenen Verdeck, auf welchem er in dem dichten Nebel, wie durch Ölpapier, einige in Ulsters und abscheuliche Kautschuks gekleidete Passagiere und den Steuermann unterschied, der hinten unbeweglich, mit ernstem, sybillinischem Gesicht in seinem Matrosenmantel dastand. Und über ihm in drei Sprachen eine Tafel mit den Worten:

"Es ist verboten, mit dem Steuermann zu reden."

Das Verbot war sehr unnütz, denn Niemand an Bord des Winkelried sprach ein Wort, eben so wenig auf dem Verdeck, wie in den Salons der ersten und zweiten Klasse, beide gepfropft voll mit Reisenden, die sehr saure Gesichter machten, zwischen ihrem auf den Bänken zerstreuten Gepäck schliefen, lasen, gähnten. So denkt man sich ein Schiff mit Deportirten am Tage nach einem Staatsstreich.

Von Zeit zu Zeit kündigte die heisere Dampfpfeife die Nähe einer Station an. Schwere Schritte auf dem Verdeck, das Geräusch vom Hin und Her des Gepäcks. Das Ufer wird allmälig kenntlich, es nähert sich ein dunkelgrünes Gestade. Vor Kälte schlotternde Villen in überschwemmten Gärten, lange Pappelreihen am Rande aufgeweichter Strassen, prunkende Hotels mit goldnen Buchstaben an der Front, Hotel Meyer, Hotel Müller, Hotel du Lac, und gelangweilte Gesichter hinter den triefenden Fensterscheiben. Man berührte die Landungsbrücke, Leute stiegen aus und ein, alle gleich schmutzig, durchnässt und schweigsam.

An dem kleinen Hafen ein Gehen und Kommen von Regenschirmen und rasch verschwindenden Omnibus. Dann versetzen die grossen Schaufelräder das Wasser wieder in schäumenden Aufruhr, das Ufer entfernt sich und versinkt mit den Pensionen Meyer, Müller, du Lac, deren einen Augenblick geöffnete Fenster in allen Etagen wehende Taschentücher, flehend ausgestreckte Arme zeigen, welche eindringlich zu sagen scheinen: "Gnade, Erbarmen, nehmen Sie uns mit... o, wenn Sie wüssten...!"

Bisweilen kreuzte der Winkelried auf seiner Fahrt einen andern Dampfer mit dem Namen in goldnen Buchstaben auf dem weissen Tambour: Germania.... Wilhelm Tell... Stets dasselbe düstre Verdeck, dieselben glänzenden wasserdichten Mäntel, derselbe klägliche Anblick, ob nun das Gespensterschiff in dieser oder jener Richtung sich bewegte, dieselben trostlosen Blicke von einem Bord zum andern. Und alle diese Leute reisten zu ihrem Vergnügen und waren um ihres Vergnügens willen eben solche Gefangene wie die Pensionäre der Hotels du Lac, Meyer und Müller! (...)

Und es regnete, und der Himmel war trüb! Um ihn vollends zu verfinstern, hatte sich ein ganzer Trupp Gardistinnen der Heilsarmee. die man in Beckenried aufgenommen, ein Dutzend plumper Mädchen mit blödem Gesicht, in marineblauen Kleidern und Kate-Greenaway-Hüten, unter drei riesigen Regenschirmen auf dem Verdecke niedergelassen und sang dort geistliche Lieder. Ein langer, dürrer Mann mit irren Augen begleitete sie auf dem Accordeon. Ihr schrillendes, schleppendes, unharmonisches, an das Geschrei der Möwen erinnerndes Gesinge drang überall durch, durch die Regenfluth, durch den schwarzen Rauch der Maschine, den der Wind nach unten drängte. Noch niemals in seinem Leben hatte Tartarin etwas so Jammervolles gehört.

In Brunnen stieg die Truppe aus, nachdem sie die Taschen der Reisenden mit frommen Traktätlein gefüllt hatte; und fast in demselben Augenblick, als das Accordeon und der Gesang dieser armen Larven aufhörte, öffneten sich die Wolken und liessen ein Stück klaren Himmels sehen.

Jetzt lenkte man in den Urner See zwischen hohen steilen Bergen ein; auf der Rechten, am Fusse des Seelisberg, zeigten sich die Touristen das Rütli, wo Stauffacher, Walther Fürst, Melchthal und andere Verschworne den Eid für die Befreiung des Vaterlandes schworen. Tartarin, sehr ergriffen, entblösste feierlich sein Haupt, ohne auf die verwunderten Leute um ihn her zu achten; er schwenkte sogar drei Mal seine Mütze in der Luft, um den Manen der Helden seine Ehrfurcht zu bezeigen.

Einige Reisende täuschten sich über seine Absicht und erwiderten höflich seinen Gruss. Endlich gab die Maschine ein heiseres Signal, das vom Echo in dem engen Raum wiederholt wurde, und die Tafel an der Landungsbrücke kündete Tellsplatte an.Man war am Ziel.

Die Kapelle liegt fünf Minuten von der Landungsstelle, am Ufer des Sees, etwas oberhalb der Felsplatte, auf welche Tell sich schwang, als er Gessler mit dem Schiff in den stürmischen See hinausstiess. Für Tartarin, als er längs des Sees den Touristen mit den Rundreise-Billets folgte, war es ein hoher Genuss, diesen historischen Boden zu betreten, sich der Hauptepisoden des grossen Dramas zu erinnern, das er gleich seiner eigenen Geschichte kannte. (...) Nun denke man sich seine Wonne und wie das Herz ihm pochte, als er vor die von der Dankbarkeit eines ganzen Volkes errichtete Erinnerungskapelle trat. Ihm war es, als müsste Wilhelm Tell in eigner Person, seine Kleider noch feucht vom Wasser des Sees, Armbrust und Pfeile in der Hand, ihm die Thür öffnen.

"Man kann heute nicht eintreten.... Ich arbeite.... Es ist heute nicht der Tag", rief eine kräftige Stimme von innen.

"Monsieur Astier-Réhu, de l'Academie francaise!"

"Professor Schwanthaler aus Bonn!"

"Tartarin de Tarascon!"

In dem kleinen Spitzbogen über dem Portal erschien die Büste des Künstlers in einer Arbeitsblouse, die Palette in der Hand. "Mein famulus wird herunterkommen und Ihnen öffnen", sagte er ehrerbietig.

Das wusste ich wohl, dachte Tartarin. Ich brauchte mich nur zu nennen. Er hielt sich indessen bei Seite und trat bescheidentlich nach den Andern ein. Der Maler, eine herrliche Gestalt, ein strahlender Künstlerkopf aus der Renaissance Zeit, empfing die Besucher auf der hölzernen Treppe, welche auf das provisorische Gerüst für die Ausführung der Malereien an den oberen Wänden der Kapelle führte. Die Fresken, welche die Hauptereignisse aus dem Leben Wilhelm Tells darstellten, waren bis auf eine, die Apfelschuss-Scene auf dem Platze zu Altdorf, beendigt. Er arbeitete in diesem Augenblick daran, und sein junger Famulus, mit dem lockigen Haar eines Erzengels, nackten Beinen und Füssen, stand ihm Modell für den Knaben.

Alle diese Personen in mittelalterlichem Kostüm, roth, grün, gelb, blau, in mehr als natürlicher Grösse, um auf eine gewisse Entfernung, von unten, gesehen zu werden, verfehlten ihren Eindruck auf die Beschauer nicht. "Ich finde, das ist ein Bild von bedeutendem Charakter", sagte der feierliche Astier-Réhu. Und Schwanthaler, der seinem Rivalen nicht nachstehen wollte, citirte, einen Feldstuhl unter dem Arm, zwei Schillerische Verse, von denen die Hälfte sich in seinem langen, dünnen Barte verlor. Dann drückten die Damen ihr Entzücken aus und einen Augenblick lang hörte man nur das: "Schön!... o, schön!... Yes.... lovely....Exquis... delicieux..." (...)

Er stellte sich im Geiste die ganze historische Schweiz vor, die von diesem imaginären Helden lebte, ihm Kapellen auf den Plätzen der kleinen Orte und in den Museen der grossen Städte Bildsäulen errichtete, patriotische Feste für ihn veranstaltete, zu denen man mit flatternden Fahnen aus allen Kantonen herbeiströmte. Bankette, Trinksprüche, Reden, Gesänge, ergreifende Seelenstimmungen, Alles das für den grossen Patrioten, von dem ein Jeder wusste, dass er niemals gelebt hatte. (...)


1911 17. November: Isleten - ein Ort mit Sprengkraft

Isleten Isenthal

URI Isleten war mit der Dynamit Nobel AG und der Schweizerischen Sprengstoff AG Cheddite ein bedeutender Arbeitgeber für den Kanton Uri. Ein Rückblick.

Markus Sigrist

redaktionaturnerzeitung.ch

Mitten im Alpenraum, auf dem abseits gelegenen und Isleten genannten Bachdelta am Vierwaldstättersee, begann im Mittelalter eine interessante Industriegeschichte. 1596, ein Jahr nachdem am Gotthardpassweg in der Schöllenen die erste steinerne Teufelsbrücke gebaut worden war, erwarb Johann Jakob Madran, der Begründer des Urner Erzbergbaus, die Isleten am linken Ufer des Vierwaldstättersee - ein grosses Areal mit Ressourcen von Wasser und Holz. Damit erhielt Madran die Erzschürfrechte im Isental und einen Standort für die Eisenverhüttung. Der mittelalterliche Kaufvertrag blieb bis Mitte des 20. Jahrhunderts mit allen verbrieften Rechten und Pflichten auf diesem grossen Gelände die massgebende Grundlage. Madrans Tätigkeit währte aber nur kurze Zeit. Sägereien nutzten während zweieinhalb Jahrhunderten das für ihre Zwecke ideale Gelände. Nach der Periode der Helvetik, als 1837 das erste Dampfschiff den Vierwaldstättersee von Luzern nach Flüelen befahren und damit den Zugang zur Gotthardroute erleichtert hatte, beschrieb der Urner Arzt und Naturforscher Karl Franz Lusser sehr visionär die Isleten als geeigneten Industriestandort.

Bahn bringt Umwälzungen

Schon bald verwirklichte der bedeutende Urner Ingenieur, Unternehmer und Staatsmann Karl Emanuel Müller diese Idee, indem er die Isleten käuflich erwarb und ab 1851 eine Papierfabrik als ersten Urner Industriebetrieb baute. Mit der Eröffnung der Axenstrasse 1865 öffnete sich der bisher topografisch abgeschottete Kanton Uri sukzessive zur Aussenwelt. Bald machte sich das Eisenbahnzeitalter auch in Uri mit der Projektierung der Gotthardbahn bemerkbar, die in der Folge grosse Umwälzungen brachte. Ein Jahr nach der Eröffnung der Axenstrasse machte 1866 der Schwede Alfred Bernhard Nobel die epochale Erfindung des Dynamits. Mit seinem Geschäftssinn nutzte er die Gelegenheit, beim Bau des Gotthardtunnels sein neues Produkt erstmals in hartem Gestein in grossem Masse anzuwenden und damit weltweit mit diesem Pionierwerk als bestem Werbeträger seine Monopolstellung auszuweiten. So kaufte er mit Partnern 1873 die Isleten mit der stillgelegten Papierfabrik und baute diese zur Dynamitfabrik aus. Abseits einer Siedlung gelegen, war die Isleten für diese nicht ungefährliche Industrie besonders geeignet. Nach Baubeginn des Gotthardtunnels belieferte die Dynamitfabrik Isleten ab 1873 als erste Dynamitfabrik im Alpenraum die Baustellen der Gotthardbahn. Für Uri waren der Bau der Gotthardbahn und der Einsitz der Dynamitproduktion in Isleten in verschiedener Beziehung eine Zäsur, unter andern brachten die vielen Zuzüger andere Kulturen und Sprachen in den Gebirgskanton.

Sprengstoff wird billiger

Nobels Erfolg rief schon bald Nachahmer und Konkurrenten auf den Plan. 1899 wurde in Jussy bei Genf die erste Fabrik errichtet, die einen billigeren Sprengstoff auf der Basis von Chlorat statt dem teureren Nitrat herstellte, den so genannten Cheddite. Den Namen hatte dieser von der Ortschaft Chedde in der Nähe des französischen Chamonix, wo damals Natriumchlorat hergestellt worden war. Rasch entstand daraus ein Weltkonzern. Die Cheddite-Fabrik in Genf erwies sich bald als zu klein und zu peripher gelegen, sodass sich der Bau einer neuen Fabrik aufdrängte. Als Tochterfirma der Société Universelle d'Explosifs in Paris wurde vor hundert Jahren - am 17. November 1911 - in Genf die Société Anonyme Suisse d'Explosifs Cheddite - Schweizerische Sprengstoff-Aktiengesellschaft Cheddite gegründet.

Im Ersten Weltkrieg zog sich der Nobel-Konzern aus der Schweiz zurück, und Isleten wurde 1916 durch die Cheddite AG übernommen, mit den beiden Produktionsstandorten Liestal und Isleten. Rezessionsphasen zwischen den beiden Weltkriegen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg durch die mit dem Kraftwerk- und Nationalstrassenbau ausgelöste Hochkonjunktur abgelöst. Isleten war mit der Dynamit Nobel AG und später der Schweizerischen Sprengstoff AG Cheddite ein bedeutender Arbeitgeber und Steuerzahler für den Kanton Uri. In erster Linie durch den technischen Wandel im Untertagebau und dem Sprengwesen sowie durch die Markteröffnung und die Auflagen der Störfallverordnung hat Isleten die einstige Bedeutung als Industriestandort weitgehend verloren, es werden aber immer noch Nitroglyzerin für pharmazeutische Zwecke sowie andere Produkte auf der Halbinsel bei Bauen hergestellt.

Hinweis: Im Frühling 2012 wird der Verlag Hier und Jetzt ein Buch über die Geschichte der Schweizerischen Sprengstoffindustrie herausgeben, insbesondere über die Schweizerische Sprengstoff AG Cheddite Liestal-Isleten, verfasst von Hansjakob Burkhardt.


reussdelta

1911 November, Erdbeben, Kanarianvogel fällt vom Stenglein

Vor hundert Jahren, Urner Wochenblatt, 135. Jahrgang, Nr. 92

Erdbeben

November 1911, Urner Wochenblatt, 35. Jahrgang

In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag, ca. 10.25 Uhr erlebten wir ein ca. 5-10 Sekunden dauerndes ziemlich heftiges Erdbeben. Die Bewegung ging von Süd nach Nord und nach übereinstimmenden Berichten vieler Augenzeugen hatte man zuerst das Gefühl, als ob ein plötzlicher Sturm daherfahre und die Häuser in ihren Grundfesten erschüttere. Die offenen Türen und Fenster wurden hin und herbewegt, hängende Lampen gerieten in stark pendelnde Bewegung, Wanduhren standen still. An mehreren Orten sind Personen, die quer zur Bewegungsrichtung lagen, aus den Betten geworfen worden - das Geschrei, das sie anstellten, soll weitherum hörbar gewesen sein. Andere verloren im Momente des Treppenaufsteigens die Stiegenlehne aus den Händen und stolperten, plötzlich vornüberlehnend, bis Nase und Tritte nähere Bekanntschaft machten; andere purzelten beim Öffnen der Haustüre fast oder ganz in den Gang hinein. An verschiedenen Orten flogen die Kommodengarnituren auf den Fussboden hinunter, Öfen stürzten um, kurz, in ganz Altdorf ging alles in gewissem Masse drunter und drüber, und der Schläfer, die in sanften Schlaf versunken, den Stoss nicht spürten, werden wohl wenige sein. Im Nu fanden sich grössere und kleinere Gruppen erregten und verängstigten Volkes in den Strassen zusammen, die mit aschbleichen Gesichtern ihre Erdbebenerfahrungen austauschten. - Schaden ist keiner angerichtet worden, soviel wenigstens bis dato bekannt, es ist auch nicht eine einzige Hypothek von einem Hausdach heruntergeworfen worden.

Das letzte Erdbeben, ein in unseren Gegenden sehr seltenes Vorkommnis, ereignete sich vor vielen Jahren; es war bedeutend schwächer als das gestrige und verursachte damals einen grossen Schrecken.

Ein auf Station Altdorf aus dem Zug aussteigender Passagier bemerkte zuerst ein blitzartiges Leuchten, gefolgt von einem Tosen, das demjenigen starken Föhnes glich und darauf begann die Bewegung der Erde.

In Flüelen bemerkte man um die nämliche Zeit, ca. 10.25 zwei Stösse, einen schwächern ersten und einen stärkern zweiten. Alles war auch in Flüelen auf den Beinen und harrte ängstlich weiterer Stösse, die jedoch nicht mehr eintrafen.

In Seedorf wurde das Beben ebenfalls verspürt. Dass es sich da mit ziemlicher Stärke geltend machte, geht daraus hervor, dass ein in einem Käfig schlafender Kanarienvogel von der Gewalt der Stösse ab seinem Stenglein geworfen wurde.

Aus Unterschächen wird berichtet, dass man dort die Erscheinung auch wahrgenommen, jedoch soll es erst nach 11 Uhr gewesen sein. (Die Uhr des Herrn Berichterstatters muss stark vorgehen, denn von einem zweiten Stoss um 11 Uhr bemerkte man nichts, während derjenige von 10.25 Uhr sich in der ganzen Gegend bemerkbar machte.) Die Erschütterung sei so stark gewesen, dass das Geschirr auf Küchengestellen und Genterlenen regelrecht geklappert habe.

In Zürich erregte das Beben nach verschiedenen Berichten eine richtige Panik. Es wurden Kamine heruntergeworfen, elektrische Licht- und Telephonleitungen unterbrochen; ganz Zürich war auf der Strasse.

Ein Kondukteur eines Gotthardzuges hinterliess in Altdorf Bericht, dass man selbst im fahrenden Zuge das Beben mit unheimlicher Deutlichkeit wahrgenommen habe.


Axenstrasse

1902: Autofahrt über den Gotthard mit Hindernissen und Spesen, damals aber garantiert ohne Stau

Otto Julius Bierbaum / Eine empfindsame Reise im Automobil / Von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein / Kapitel XVIII. / Von Mailand bis Stein am Rhein

An Herrn Dr. August Smith in Wangen am Bodensee

Bellinzona, den 13. Juli 1902, im Hirschen.

Gerettet, lieber Doktor! Wir sind dem feurigen Ofen entronnen; den Bergen nahe erfreuen wir uns kühler Winde und segnen die frische Schweiz. Italien ist ein anbetungswürdiges Land; man soll es das ganze Jahr lang anbeten, aber mit Ausnahme der Hundstage. Meine Frau will das zwar nicht zugeben, aber in diesem Falle muss ich sie als befangen ablehnen, und, wenn sie auch plötzlich recht traurig wurde, wie wir die Grenze ihres Landes hinter uns liessen, im Grunde, glaube ich, ist selbst sie nicht traurig darüber, dass die Temperatur beginnt, erträglich zu werden, und auch sie hat das frischere Grün der Schweizer Fluren gerne gesehen. Ich für mein Teil hätte vor Vergnügen schreien mögen.

Übrigens entliess uns Italien nicht so schnell. Es dauerte beträchtlich lange, bis wir unsre zu Zolldepot gegebenen 110 Franken zurückbekamen. Schneller wurden wir sie wieder los, denn auch die schweizerische Eidgenossenschaft legt Wert darauf, ein solches Depot zu erhalten. Morgen über den Gotthard! Dort liegt noch Schnee! Welch herrliche Aussicht!

Kurz vor dem Sankt Gotthard-Hospiz

Der Gotthard war uns als der einzige schweizer Gebirgspass bezeichnet worden, dessen Überschreitung mit Motorwagen gestattet sei, und in Bellinzona bestätigte man uns dies mit dem Hinzufügen, diese Erlaubnis sei allerjüngsten Datums, übrigens aber nicht viel wert, weil es sich von selber verbiete. Wenigstens sei ein Herr, der es kürzlich versucht habe, unverrichteter Dinge zurückgekehrt.

Durch solche Erzählungen muss man sich nicht irre machen lassen. Immerhin waren wir, als wir abfuhren, nicht gerade felsenfest überzeugt, dass wir über die 2111 Meter hinüber gelangen würden, und wir dachten schon daran, ob wir nicht wenigstens das schwere Gepäck mit der Bahn befördern lassen sollten. Aber die Zuversicht siegte, und der Adlerwagen hat sie nicht zuschanden werden lassen. Wir sind um 10 in Bellinzona abgefahren und um 7 in Brunnen angekommen, ohne dass uns der alte Sankt Gotthard auch nur ein einziges Mal Veranlassung gegeben hätte, kleinmütig zu werden; wir haben ihn "glatt genommen". Allerdings nach der Melodie "Immer langsam voran", sonst hätte wir zu 136,4 Kilometer nicht neun Stunden gebraucht. (...)

Erst heute haben wir Italien eigentlich verlassen, denn das Land südlich des Gotthards ist italienische Erde, wenn seine italienischen Bewohner auch schweizerische Eidgenossen sind. Doch hat die Zugehörigkeit zur Schweiz in der Tat den Typus etwas verändert. Sie sind schwerfälliger, als ihre Brüder jenseits der rot-weiss-grünen Grenzpfähle. Auch fielen mir die vielen blauen Augen auf, und aus dem Ausdruck dieser Augen, wenn sie unsern Wagen sahen, bildete sich mir das Wort kuhäugiges Erstaunen. Auch war uns auffällig, wie ganz anders sich diese schweizerischen Menschen, die Italiener sowohl wie die Deutschen, unserm Wagen gegenüber verhielten, als alle übrigen Menschen bisher. Wo wir sonst hielten, um Wasser nachzufüllen oder aus sonst einem mit dem Wagen zusammenhängenden Grunde, kamen die Leute von allen Seiten herbei und trachteten, den Motor so nahe und so genau wie möglich anzusehen, wobei sie es nicht unterliessen, Fragen an Meister Riegel zu richten, mehr oder weniger lebhaft, ja nach dem Temperament. Hier, in der Schweiz, nichts von alledem, obwohl gerade in dieser Gegend Laufwagen noch so gut wie unbekannt sind. Vielleicht, dass sich ein paar ganz junge Leute in fünf, sechs Schritt Entfernung aufstellen und das Ding mit äusserster Befremdung betrachten; das ist aber auch alles. Die anderen gehen mit einem Ausdruck vorüber, als wollten sie sagen: Gottlob, dass wir Engel des Tell davon entfernt sind, derlei Unfug mitzumachen. Und, fährt man auch noch so langsam durch ein Dorf, stets finden sich einige, die mit Amtsmiene gebieten: Langsam fahren! Es scheint, als ob jeder einzelne sich des Umstandes bewusst wäre, dass es von seiner Stimmabgabe mit abhängt, ob künftig solche Maschinen auf diesem, ihrem Grund und Boden verkehren dürfen. Einen besonderen liebenswürdigen Eindruck macht dies nicht, und es verrät auch nicht übermässig viel Intelligenz.

Wir sollten es aber auch noch ganz direkt erfahren, von welcher Art die Freiheit sein kann, wenn Bauern von ihr schrankenlos Gebrauch machen dürfen.

Vorher ein paar Bemerkungen über die Gotthardstrasse. Den Eindruck alter grosser Kultur, wie er von der Brennerstrasse ausgeht, macht sie nicht. Sie hat ja auch längst nicht deren Alter. Sie ist viel wilder, rauher, und sie erhält in ihren oberen Partien auf dem südlichen Teil noch etwas Drohendes durch die Forts, mit denen die Schweiz den Berg gegen Italien befestigt hat. Diese Forts sind nicht etwa malerische Festungsbauten im alten Sinne, sondern höchst typische Erzeugnisse jener modernsten Festungsbaukunst, die mit lauter Faktoren zu rechnen hat, die es ihr geradezu verbieten, malerisch zu sein. Alles ist darauf angelegt, möglichst wenig bemerkt zu werden. Nur dass hie und da eine breite, flache, überaus mächtige Kuppel sichtbar wird, oder in kolossaler Höhe eine mit dem Felsen verschmolzene Bastion.

Einen wunderlich idyllischen Gegensatz zu diesen ins Gebirge eingelassenen Verteidigungswerken bildete ein schweizer Gotthardsoldat, der, im vollen Waffenschmuck des Kriegers, Helm auf, Säbel um, dasass und die Umgebung mit Wasserfarben abmalte. Ein andrer aber, der, wie es schien, dazu befohlen war, verfolgte uns wohl eine halbe Stunde lang, bald vor, bald hinter uns auftauchend, indem er Abkürzungswege benutzte.

Im übrigen begegneten wir oben keiner menschlichen Seele, hatten dafür aber Gelegenheit, eine ganze Rindviehprozession über ein Schneefeld zu beobachten. Schnee und Eis gab es überhaupt genug, aber in der Hauptsache nur über den Wasserläufen, nicht mehr auf der Strasse selbst. An dem berühmten Hospiz fuhren wir ohne Einkehr vorüber, froh, dass es nun im beschleunigten Tempo bergab gehen durfte. Die Bremsen bekamen jetzt scharfe Arbeit, denn das Gefälle nach Norden ist sehr streng. Wir begegneten auf dieser Seite vielen Touristen, während wir auf der Südseite keinen einzigen Rucksack erblickt hatten. Bald erschienen auch Wagen (hinter Andermatt sogar sehr viele), und, was schlimmer war, solche mit schweizer Kutschern, die es für wichtiger halten, ausgiebig und laut zu schimpfen, statt sich um ihre Pferde zu kümmern. Zum Glück verstanden wir den Sinn ihrer wütenden Expektorationen nicht, da sie urnerdeutsch fluchten, also in einem Dialekt, der dem ans Hochdeutsche gewöhnten Ohre mehr wie eine unbegreifliche Anhäufung von Rachenlauten, denn als eine Abart deutscher Sprache erscheint. Wir beantworteten diese Konglomerate aus Ch-Lauten aufs freundlichste mit dem Grusse: Leben Sie wohl, mein Herr! und gaben uns im übrigen dem Anblick der hier wahrhaft grandiosen Natur hin.

So gelangten wir glücklich, ohne irgend ein Pferd des Kantons Uri in ernstliche Verlegenheit gesetzt zu haben, über die Teufelsbrücke und schliesslich nach Göschenen. Hier aber ereilte uns unser Geschick. Es hatte die Gestalt eines überlebensgrossen Polizisten, der sich wie ein Turm breitbeinig vor uns aufpflanzte, indem er abwechselnd äusserst laut und mächtig rief: Anhalte! Usschtiege! Nun bin ich zwar ein Mensch voller Respekt vor der Polizei, zumal, wenn sie in überlebensgrossen Exemplaren auftritt, aber ich lege einigen Wert auf höfliche Behandlung. Und so sagte ich meinesteils: Sehr schön! Aber, bitte, schreien Sie nicht so und erklären Sie mir ruhig und sachlich den Grund Ihrer Aufregung. Anhalte! Usschtiege! brüllte der Turm. Wenn Sie so freundlich sein wollen und ruhig die Sachlage betrachten, erwiderte ich mit himmlischer Gelassenheit, so werden Sie unschwer bemerken, dass wir bereits halten, und ich kann Ihnen versichern, dass wir auch aussteigen werden, wenn Sie nur eine Andeutung darüber machen wollten, warum wir hier aussteigen sollen, wo wir keineswegs die Absicht haben, Station zu machen.

Diese längere und wohlgesetzte Rede besänftigte den Riesen von Uri, und er versicherte uns nun, unter deutlichem Ringen nach Höflichkeit, wir hätten nichts von ihm zu befürchten und möchten ihm auf die benachbarte Polizeiwache folgen, wo sich alles schnell schlichten werde. Meine Frau sah sich schon in Kerkersbanden, Riegel meinte, das Gescheiteste wäre, den Turm umzufahren, ich aber war gerührt von dem Streben des Enaksohnes nach Urbanität und folgte ihm mutigen Schrittes in die Heimstätte der urner Sicherheitsbehörde (wie meine Frau behauptet, hat es ausgesehen, als würde ein Klippschüler von seinem Lehrer in die Schule geschleppt).

Was mir dort eröffnet wurde war dies: Die Polizei von Andermatt hat hierher telegraphiert: "Automobil hier durchgefahren; unmöglich es aufzuhalten" (Aha, dachte ich mir, die Andermatter haben keinen Riesen!) "Stellt es und verfügt nach dem Gesetze. Wieso? fragte ich; ist es nicht erlaubt, über den Gotthard zu fahren? Doch, antwortete der Gewaltige, das ist erlaubt, und es ist auch erlaubt, im Kanton Uri zu fahren. Na also! Ja, aber es ist nicht erlaubt, von Andermatt nach Göschenen zu fahren.

Jetzt fängt der Riese an, Witze zu machen, dachte ich mir, denn das sah doch nicht anders, als wie ein Witz aus: Man darf zwar über den Gotthard fahren, muss aber in Andermatt wieder umkehren. Und ich entwickelte diesen Gedankengang ebenso logisch wie bescheiden. Aber weder meine Logik noch meine Bescheidenheit rührte den Mann des bewaffneten Gesetzes. Er sprach, und der Sinn seiner Rede war dies: Das mögen Sie mit dem Kanton Tessin ausmachen, der es erlaubt hat, über den Gotthard zu fahren. Wir in Uri erlauben eben bloss, von Göschenen weiter zu fahren. Demnach hätte ich, fuhr ich unter andauernder Logik und Bescheidenheit fort, von Andermatt aus, da ja dort keine Eisenbahn ist, ein Ochsengespann mieten und meinen Wagen bis hierher durch die Tiere befördern lassen müssen, deren Kopf das Wappen dieses Freistaates ist? Das hätten Sie allerdings müssen, antwortete der Turm, der mich selbst sitzend weit überragte, wenn Sie den Gesetzen hätten gehorsam sein wollen. Da Sie es aber nicht getan haben, müssen Sie nach dem Gesetze bestraft werden.

Wieviel kostet es? fragte ich mit schnellem Verständnis. Zwanzig Fränkli, antwortete prompt der Übermensch. Wie, rief ich, und wegen 20 Fränkli muss ich aussteigen? Das hätten wir doch auch draussen machen können? Nein, erwiderte der Riese, ich muss Ihnen eine Quittung ausstellen. Und tats. Ich empfing meine Quittung, überreichte ihm, zur Einverleibung in das Archiv von Uri, meine Visitenkarte, nahm Stellung, machte kehrt und begab mich in den Wagen, um, so lange wir auf urner Boden fuhren, Meister Riegel beharrlich zur Langsamkeit zu mahnen, denn diesen Rat hatte mir das riesige Organ der Sicherheit von Uri noch mit auf den Weg gegeben: Schritt fahren, oder in jedem Falle sechs Franken Busse.

Ein paar Gedanken machte ich mir aber doch. Es ist begreiflich, sagte ich mir, dass das souveräne Volk von Uri, das zum grössten Teile aus Pferdehaltern besteht, den Automobilen nicht grün ist; es ist ferner begreiflich, dass diese Pferdehalter den Wunsch hegen, man möge, wenn man schon keinen Wagen nimmt, dafür wenigstens an seinem Beutel bestraft werden; warum aber dann nicht gleich eine Tafel aufstellen mit der Aufschrift: Das Fahren im Automobil von Andermatt bis Göschenen kostet 20 Franken, zahlbar an den Riesen X? Wenn man nun Eile hätte? Nicht jeder ist so verschwenderisch mit der Zeit wie ich. Aber freilich: Eile darf man hier im Automobil überhaupt nicht betätigen. Die Urner haben es sich vorgenommen, den Automobilisten den Schnelligkeitskitzel auszutreiben. Herr de Knyff, der schon ein Tempo von achtzig Kilometern in der Stunde ein "Schrittfahren" nennt, "bei dem man nervös wird", sollte um Gotteswillen den Kanton Uri meiden; er würde hier der Verzweiflung anheimfallen.

Wir sind übrigens ganz gerne, und auch ausserhalb Uris, langsam gefahren, denn es wäre Sünde, sich hier zu beeilen. Die ganze Strecke ist eine grosse Herrlichkeit, das schönste an ihr aber die Fahrt auf der Axenstrasse. Doch es hiesse, Touristen nach der Schweiz bringen, wollte ich das noch ausführlich behandeln.

Wunderlich berührt den, der den sagenhaften Charakter der Tell-Geschichte kennt, der Umstand, wie diese Figur hier allenthalben historisch genommen wird. Vielleicht an keinem Beispiel wird so klar, wie an diesem, welche gewaltige Bedeutung der Phantasie oder, wenn man will, der Kunst, schön zu lügen, auch für das Völkerleben innewohnt. Die Schweiz ohne Tell, es ist kaum zu denken, und dennoch ist dieser Nationalheld nichts als ein Gebilde der Lust am Fabulieren, wie sie in jedem Volke steckt wie in jedem aufgeweckten Kinde. Aber wehe, wer das einem Schweizer aus dem Durchschnitte sagen wollte! Ich für meinen Teil würde es jedenfalls nicht gegenüber dem Goliat von Uri riskieren. (...)

Leben Sie wohl!


Urner Wochenblatt

1908 Dezember Mitteilungen vom Verkehrsverein Uri

Urner Wochenblatt / 32. Jahrgang (früher: Katholisch-Konservatives Volksblatt für den Kanton Uri)

Erscheint jeden Mittwoch und Samstag morgens

Am 22. November war der Verkehrsverein 25 Mann stark besammelt. Der Präsident erteilte Auskunft über den Bestand des Vereins und dessen Arbeit im Verlaufe des Jahres. Die Mitgliederzahl ist von 1907/08 von 70 auf 90 und die Bettenzahl von 1493 auf 2229 angewachsen, und es ergibt sich, dass die Hotels und Pensionen beinahe alle im Vereine sind. Leider ist aber auch ein kleines Defizit da, das schreckte jedoch in der Versammlung nicht ab, gleichwohl frisch ans Werk zu gehen. Man beschloss für dieses Jahr wieder 3000 deutsche und 2000 italienische "Führer durchs Urnerland" zu erstellen. Auch wurde für die Propaganda durch Inserate, in deutschen und französischen Hauptzeitungen ein Kredit von Fr.1000-1100.- bewilligt. Es ist das richtige Bestreben da, die Fremden auf unser so schönes Urnerland und seine prächtigen Strassen und Täler aufmerksam zu machen. Fahren wir also fort, uns zu sammeln und zu arbeiten zum Wohle aller.

Am Samstag den 28. Nov. waren auch die "schweizerischen Verkehrsvereine" in Winterthur versammelt und haben beschlossen, einen "Führer durch die Schweiz" herauszugeben in 100 000 Exemplaren. Auch soll bewirkt werden, dass die meteorologischen Bulletins früher herauskommen. Zum Schlusse ein Beispiel, wie teuer die Reklame ist. Es wurde vom schweiz. Hotelierverein die Anregung gemacht, in der "Illustrierten Leipziger Zeitschrift" eine Spezial Schweizer Nummer zu erstellen (Auflage 150 000) und dafür wurde von den Bundesbahnen und schweiz. Hotelverein je 5000 Fr. zur Verfügung gestellt, allein der Vertreter erklärte, eine solche Nummer käme auf mindestens 30-50 000 Fr. und der Rest der Summe müsste durch Inserate aufgebracht werden, indem eine ganze Seite auf 1000-2000 Fr. zu stehen komme. Die Sonder-Nummer für Nichtabonnenten beträt 2 Mark. Für viele wurden dadurch die Trauben etwas zu sauer


Alpenmusik Alphorn

1909 Februar / Welche Arbeit leistet man beim Tanzen?

Aus dem Urner Wochenblatt (früher: Katholisch-Konservatives Volksblatt für den Kanton Uri) 33. Jahrgang

Unter "Vermischtes" steht:

Würde jemand, der gern tanzt, veranlasst werden, einmal oder gar öfter 20 Kilometer weit zu laufen, also etwa fünf Stunden hintereinander, und noch dazu mit hüpfenden Tanzschritten, so würde er wohl zunächst annehmen, dass man ihn für einen Narren hält. Und doch gibt es Millionen solcher Narren, die bei jedem längern Tanzvergnügen eine 20 Kilometer lange oder noch längere Strecke zurücklegen, ohne es auch nur zu ahnen. Man glaubt aber, das Tanzen sei ein angenehmer Zeitvertreib, und wenn die schönen Ablenkungen mancherlei Art nicht wären, so würde man die enorme Arbeitsleistung auch sicher merkbar empfinden. Der gewöhnliche Walzer bedeutet für jeden Tänzer eine Leistung von 1200 Metern, die Mazurka 1000, die Polka 800 Meter, eine Quadrille aber 2000 Meter. Man braucht also nur 15 bis 20 Mal in einer Nacht zu tanzen, so hat man im Ballsaal eine Strecke von rund 20 Kilometern zurückgelegt. Der angenehme Zeitvertreib ist somit auch eine ganz achtbare gymnastische Übung, allein, wiederholt man dergleichen sehr oft, so entstehen aus allen Vorteilen nur Nachteile, denn die Tanzvergnügen finden in der Regel zur Nachtzeit statt, wenn Geist und Körper durch die Tagesanstrengung bereits ermüdet sind, und obendrein können auch nicht alle Tänzer und Tänzerinnen den versäumten Schlaf bis tief in den nächsten Tag hinein nachholen. Es gibt viele junge Mädchen, die jeden ihnen gebotenen Ball mitmachen. Dadurch aber wird ihre Gesundheit, man sieht das ihnen schon nach wenigen Wochen an, ausserordentlich untergraben. Alle Eltern sollten daher dem Vergnügen ihrer Töchter auch eine Grenze setzen.


Sonnenaufgang

1909 August / Grenzbereinigung zwischen Uri und Schwyz

Urner Wochenblatt August 2009 / Vor hundert Jahren

Letzten Montag und Dienstag wurde auf dem sog. "Glatten", welcher, ein hauptsächlich nur für die Jagd in Betracht fallendes Hochgebirgsgebiet, schon lange ein Aufstand zwischen Schwyz und Uri bildete, eine Grenzbereinigung versucht. Der Kanton war vertreten durch Hrn. Regierungsrat Tobias Furrer, die Korporation durch die Herren Kreisrichter Müller von Spiringen und Korporationsschreiber Püntener. Schiedsrichter sind die Herren Regierungsrat Gisler für Uri und Fassbind, Arth, für Schwyz, während als Obmann Herr Nationalrat Häberlin von Frauenfeld anwesend war. Doch am ersten Tage mussten die Herren fast unverrichteter Dinge abziehen, da der leidige Nebel begann wie letztes Jahr wieder Spuck zu treiben. Es war für einige korpulente Herren ein Geduldspröbchen und keine geringe Leistung, in dieses hohe Gebiet zu steigen. Nachdem einige Herren am ersten Tage bereits fahnenflüchtig geworden, heiterte sich am Abend das Wetter auf und versprach einen goldenen Morgen. Zeitig brach man das zweite Mal auf und keuchend gings bergan unter Mitnahme stärkender Essenzen. Leidlich konnte der Augenschein vorgenommen werden bevor aufs Neue der Nebel anrückte. Nun wird noch etwa ein Zeugenverhör aufgenommen und erst nachher erfolgt der Schiedsspruch. Möge der Spruch zur Zufriedenheit beider Parteien ausfallen.


1909 Oktober / Postbetrieb und Pferdeschutz

Urner Wochenblatt 2008 / Vor 100 Jahren

Der "Schweizer. Pferdeztg." wird u. a. geschrieben: Wenn die Post die schweren, oft vollbesetzten Postwagen, mit den meistens leichten und geringen Pferden bei stundenlang ansteigender Strasse an der Passhöhe des Klausen ankommt, speziell von der Glarner Seite, und die Pferde voll Atem sind, so werden sie schon zum Traben angetrieben, 100-300 Meter bevor die Passhöhe ganz überwunden ist und nachher geht's dann erst recht im Galopp den Berg hinunter. Es ist im Interesse des Pferdeschützers wie aller -Besitzer unbedingt nötig, dass mit einem solchen Unfuge und einer solchen Tierquälerei aufgeräumt wird und dass die Vorschrift gegeben wird, die Pferde auf der Höhe eines Postpasses wenigstens 1-2 Minuten ausruhen zu lassen, bevor man sie zum Traben bringt. - Es ist daher auch nicht verwunderlich, wenn fast jeden Sommer 3-5 Pferde auf der Route des Klausenpasses allein zu Grunde gehen und Lungen- und Herzschläge bekommen. Hier ist nicht das Pferdematerial allein schuld. Welcher Schaden dem Posthalter allein erwächst, kann man sich denken. Der Mann kann eben nicht überall sein als eigener Pferde- und Hotelbesitzer.


1909 Dezember / Militär Skikurs in Andermatt

Quelle: Urner Wochenblatt Mittwoch, 16. Dezember 2009 / Vor 100 Jahren

An das Cadres des Bat. 87!

Sich wohl bewusst, dass das Skifahren für unsere Truppen im Mobilmachungsfalle von noch nicht geahnter Bedeutung sein wird, überzeugt auch von den überaus grossen Vorteilen, das ein gutes Fahren im Civilleben jedem ohne Ausnahme bringt, und bewusst, dass die Vorteile, geboten vom Bund hierfür, speziell nicht vom Cades des Bat. 87 in genügendem Masse ausgenützt werden, gestattet sich das unterzeichnete Commando, Offiziere und Unteroffiziere zu den in diesem Winter abzuhaltenden militär. Skikursen in Altdorf einzuladen sich recht zahlreich zu beteiligen.

1. Kurs vom 21. Dezember bis 30. Dezember 1909

2. Kurs vom 2. Januar bis 11. Januar 1910

In beiden Kursen werden Klassen für Anfänger und Vorgerücktere organisiert. Die Leitung der Kurse befindet sich in Händen des bewährten Skilehrers H. Major Brechbühl. Jeder, der sich über den Besitz von eigenen Skiern ausweist, erhält vom Bund ein Taggeld von Fr. 4.-, ferner ein Drittel der Reisekosten. Unterkunft in der Caserne Andermatt gegen 50 Cts. Entschädigung, Benutzung jedoch frei, ebenso Verpflegung.

Jedem Teilnehmer, der keine eigenen Skier besitzt, werden zu reduzierten Preisen verabfolgt, nebstdem wird ein Drittel an neue Skier aus der Bat.-Casse bezahlt. Unbemittelte Unt-Offiziere erhalten Skier gratis. Durch Teilnahme gerade an diesen Kursen bezeugt das Cadres des Bat. 87 am besten sein militärisches sowie eigenes Interesse. Darum meldet Euch sofort und recht zahlreich beim Herrn Kursleiter an.

Kommando des Bat. 87.


Fahnen

1911 September / Um den Gotthard herum

Urner Wochenblatt (früher: Katholisch-Konservatives Volksblatt für den Kanton Uri)

Mittwoch, 28. September 1911

35. Jahrgang

Um den Gotthard herum toste 2 Wochen lang der Kriegslärm. Die Gemsjäger dieses Gebietes können ruhig ihre Flinten wieder einfetten und in der Kammer an den Nagel hängen, sie brauchen kein Pulver und kein Blei mehr, denn von der anhaltenden Knallerei ist das Gemswild scheu geworden und zieht sich in die unzugänglichsten Klüfte zurück.

Sieggekrönt kehrten letzten Freitag die Urner und Unterwaldner aus dem Tessin zurück. Sie haben in den Tagen vom 12. - 15. September gezeigt, dass sie eine Elitetruppe sind, die weder durch Mühseligkeiten noch durch gewaltige Anstrengungen unterzukriegen ist; sie haben gezeigt, dass die Wacht am Gotthard in guten Händen ist.

Die Gotthardmanöver, die sich um die Festungen der Südfront abgespielt, haben erstlich die Notwendigkeit einer im Gebirge trainierten Truppe dargetan und noch mehr die Notwendigkeit, jene Truppen, denen die Verteidigung der Festungswerke in ersten Linie obliegt, an Ort und Stelle auszubilden, damit sie mit dem Gelände durchaus vertraut werden.

Die Kriegslage am Mittwoch abend ist hier gezeichnet worden. Dem Kommandanten der angreifenden roten Armee, Hr. Oberstlt. Rieser, war es gelungen, die Verteidiger jenseits Airolo unter die Festungswälle zurückzuwerfen. Der Verteidiger hatte ihm dies, sofern man die Artillerie ausser Betracht lässt, ziemlich leicht gemacht. Es mangelte ihm an einer richtigen Ausnützung des Geländes, das ganz vortreffliche Verteidigungsstellungen in grosser Zahl bietet, es wurden wichtige Stellungen zu rasch verlassen und andere, die sich auf dem Rückzuge geboten hätten, nicht benutzt. Dann mangelte es an Wachsamkeit, was ermöglichte, dass die Verteidiger mehrere Male einfach überrumpelt werden konnten. Gelungen war die Episode, wo die 87er eine blaue Küche gerade in dem Momente des Abkochens überraschten und die ganze suppenerwartende Gesellschaft vertrieben, um sich selbst hinter die Speise zu machen.

Die Verteidigung hatte Mittwoch abends die Stellung Tessin-Madirolo-Stai besetzt und sich teilweise in feste Stellungen eingegraben. Das Ba. 87 versuchte Madirolo, den Schlüsselpunkt der Stellung zu nehmen und gegen die dahinter liegenden Festen Fondo del Bosco und Motto Bartola vorzugehen. Diese Aufgabe wurde ihnen vom Verteidiger merkwürdig erleichtert. Die 87er, müde und schlafbedürftig, mindestens ebenso sehr wie die andern, wachten aber dennoch und waren zu kühnen Taten bereit. Wohl bestrichen die Scheinwerfer der Forts die Gegend, wohl donnerten alle Augenblicke die Kanonen der Forts; aber die terrainkundigen Urner wussten gedeckt vorzugehen, sodass sie gar nicht bemerkt wurden; unter Stugi, dessen Kanonen hart ob ihren Köpfen in die Nacht hinaus pülverten, zog eine Kompagnie gemütlich und in aller Sicherheit durch und bewegte sich auf Motto Bartola zu. Sie fand in den Gräben schlafende Landwehrmannen und war so rücksichtsvoll, den Schlummer der Müden nicht zu stören; vor dem obern Fort schliefen zwei Kompagnieen den Schlaf der Gerechten in den Baracken. Die Mannen wurden kurzerhand eingeschlossen, dann durch Gepolter geweckt - die Szenen, die sich da abspielten, sollen rein zum Wälzen gewesen sein. So kam es, dass morgens gegen Tagesanbruch die Angreifer Herren der gegnerischen Stellungen waren, worauf der Kommandant der blauen Truppen den Befehl gab, die Forts zu verlassen und sich auf den Gotthard zurückzuziehen. Auch den 47ern war es nämlich gelungen, vom Tessin her fast unbemerkt bis an das Fort Fondo del Bosco heranzukommen; nur die Wachsamkeit eines Artilleristen verhinderte die Überrumpelung.

Die Kritik, die Herr Oberstdivisionär Brügger auf Madirolo hielt, war denn auch ein Gericht. Vor allem erhielt der Kommandant der Verteidigung einen schärfsten Rüffel für seinen Rückzugsbefehl. Dann wurden die gemachten Fehler beiderseits gerügt, auch die Angreifer mussten sich sagen lassen, dass sie die Artillerie der Verteidigung öfters zu wenig beachtet - es knallte eben nur und die eisernen Kübel mit und ohne Inhalt pfiffen nicht durch die Luft - daneben wurde den Gotthardtruppen und den beidseitigen Spezialwaffen hohes Lob erteilt, dass sie ihrer Aufgabe voll und ganz gerecht geworden seien. Oberstdivisionär Schiess, Stellvertreter des zu den österreichischen Manövern abgeordneten Generalstabschefs Oberst v. Sprecher, hob hervor, dass die Manöver die Notwendigkeit einer speziellen Gebirgstruppe zur Evidenz dargetan.

Wenn die Schlacht für die Verteidiger unglücklich ausfiel, so war neben einer von Anfang an mangelhaften und zu wenig klaren Befehlsgebung auch die Ungewohntheit der Verteidiger im Gebirge schuld daran. Die 114er, eine tüchtige und kräftige Mannschaft, befand sich meist zum ersten Male im Gebirge und kannte eben dessen Tücken und Eigentümlichkeiten nicht, die Mannschaft ebenso wenig wie die Offiziere, während von den Angreifern jeder Mann vom Oberbefehlshaber bis zum jüngsten Soldaten dem Gelände von Aiorolo selbst bekannt war wie mit dem eigenen Hosensack. Das macht einen enormen Unterschied aus.

Genug, die bisherige Gotthardtruppe hat sich als eine ganz vorzügliche Mannschaft ausgewiesen, die zu allen andern Eigenschaften eine grosse Ausdauer und Zähigkeit besitzt. Diese ist nicht von gestern auf heute erworben worden, sondern die zahllosen Strapazzen, gar oft anscheinend unnütze, die "Hungerkuren" und die Bivouaks in luftigen Zelten auf kalten Höhen, all das hat nach und nach die Urner und Unterwaldner zu einer Truppe erzogen, die in jedem Fall und in jeder Lage zuverlässig ist. Nur schade, dass die alten Kameraden vom 47 nun aus dem Gotthardverbande ausscheiden. Doch die erworbenen Eigenschaften der 47 werden ihnen auch im andern Verband zugute kommen.


Urner Bergstimmung

Ca. 1926: Der Satiriker Moszkowski erlebt Wintersport, Eiseskälte und den angeblich ewig blauen Himmel über dem Gotthard

Lust im Eise, von Alexander Moszkowski (1851-1934)

Gewisse Anzeichen der organischen Welt weisen darauf hin, dass es sich im Eise ganz behaglich leben lässt, ich denke dabei wesentlich an ein liebes Insekt, den Gletscherfloh (Desoria glacialis), der sich zeitlebens, unabhängig von der Jahreszeit mit allem Eifer dem Wintersport hingibt. Er macht, wie ich selbst mit der Lupe in der Hand beobachtet habe, in den feinen Gletscherspalten die verwegensten Sprünge, und er beweist dabei in rapider Vermehrung, wie trefflich ihm diese Leibesübung bekommt. Nicht einmal das Kaninchen oder der Karpfen kann es an Fortpflanzungsstärke mit ihm aufnehmen, er hält in dieser Hinsicht den Weltrekord, er erzeugt ein Gewimmel, das die glitzernden Eiswohnungen streckenweise ganz dunkel färbt. Aus dem Wintersport schöpft er seine Kraft, und ihm ist dieser Sport nur in seiner Erfreulichkeit ohne störende Begleiterscheinung bekannt. Er bricht sich kein Bein, verstaucht sich keinen Knöchel und erkältet sich nie. Aber es ist mir sehr zweifelhaft, ob seine Lebensweise auch für den Menschen vorbildlich werden könnte. Ich bin in dieser Hinsicht sehr ketzerisch gestimmt, und um es rund herauszusagen: ich halte dafür, dass der Wintersport ein Reservat der Gletscherflöhe bleiben müsste; und diese Verstocktheit hat meinen Freunden und Kollegen schon sehr viel Sorge verursacht.

Mir fehlt das Organ für die menschlich betätigte Eisliebhaberei, ja ich besitze einen Nerv, der hierauf mit direkt feindlichem Protest gegenschwingt. Alles Winterliche ist für mich ein Verhängnis, mit dem man sich stoisch abzufinden hat, ohne es sich epikuräisch in eine Lust umzuschmeicheln. Mir erscheint es ethisch bedenklich, den Winter, den grimmigsten Feind der Menschheit, als gut Freund zu behandeln, mit ihm zu liebäugeln und aus seiner Hand Freuden entgegenzunehmen, die nichts anderes sein können, als maskierte Bosheiten. Mit Schauder gedenken wir alle der verflossenen geologischen Eiszeiten, und ach wie nahe ist uns die nächste! Noch ein paar lumpige Jahrtausende, und eine neue Eiszeit kommt über uns, um uns recht nachdrücklich beizubringen, wie es der Winter im letzten Grunde mit uns meint. Und inzwischen kokettieren wir mit ihm, reden ihm und uns ein, er wäre doch eigentlich eine recht fidele Angelegenheit.

Meine wintersportelnden Freunde halten mich für rückständig, sie beklagen meinen Defekt und beeifern sich seit Jahren, um mir die eis- und schneewidrigen Mucken auszutreiben. Ganz natürlich. Der Mensch will auf den Nebenmenschen einwirken, da ihm die Bewusstseinsharmonie anderer Geschöpfe fremd ist. Für die Gletscherflöhe in Menschengestalt bin ich ein degenerierter Nebenfloh, dem die richtige Glacialempfindung erst eingetrichtert werden muss. Und eines Tages fand ich meinen Widerstand überwältigt. In der Kraftprobe des Einzelnen gegen viele konnte ich nicht durchhalten. Meine Freunde beschlossen in kompakter Phalanx, dass ich meinem eigenen Winterglück nicht länger in den Weg treten dürfe. Also wurde ich in einem frostklirrenden Januar ins klassische Sportgelände spediert. Man liess mir die Wahl zwischen Schweiz, Tirol und Oberbayern. Aber dass ich nur nicht heimkehrte, ohne die Schüssel der Winterfreuden bis auf die Grundsuppe ausgelöffelt zu haben! Ich wollte zuerst ins Engadin, entschied mich aber schliesslich aus finanztechnischen Gründen fürs Gotthardgebiet, weil die Preise in Graubünden nach höherer Algebra, die im Kanton Uri nur nach mittlerer berechnet werden. Unterwegs überlegte ich zaghaft: Und wie, wenn ich dort nun gerade in ein wütendes Schneetreiben hineingerate, das mir prasselnd ins Gesicht schlägt? Ausgeschlossen! hatten mir die Berliner Fexe versichert: man erlebt immer nur den ewig blauen Himmel in beglückender Sonnenwärme über der unendlichen Schneedecke. Und wann fällt eigentlich dieser unendliche Schnee? Das geht den Touristen gar nichts an; die weise Natur hat das so eingerichtet, dass man ihn immer schon fertig vorfindet, ohne jemals durch ein Flockengewirbel belästigt zu werden. Na, wir werden ja sehen!

In Göschenen machte ich halt. Ich hatte das Glück, an der abendlichen Wirtstafel eine Autorität vorzufinden, einen schwedischen Sportmeister, der mir aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen schätzbare Winke einflösste. "Sie als Neuling müssen sich zuerst in die Landschaft einleben, bevor Sie es mit dem Radeln und Skilaufen riskieren. Also beginnen Sie morgen früh mit einer Fusswanderung nach Andermatt, süperber Weg übrigens, dort nehmen Sie einen Pferdeschlitten, kehren nach Göschenen zurück, und dann werde ich Ihnen die Anfangsgründe des eigentlichen Sports beibringen."

Das Hotel befand sich in einem Zwischenstadium. Es besass mächtige Kachelöfen, wollte aber gerade zur Zentralheizung übergehen; mit der Folge, dass momentan überhaupt nicht geheizt wurde. Die Schlafnacht im Zimmer war mithin sehr geeignet, um mich abhärtend zu akklimatisieren. Nach dem Gefühl zu urteilen befand sich im Bett eine Temperatur von sieben Grad im Schatten, natürlich unter Null. So ungefähr hatte ich mir ein erstes Übernachten auf Spitzbergen oder in Labrador vorgestellt. Aber der Frühstückskaffee war wärmer, und mit dieser letzten Ölung versehen, machte ich mich auf die Wanderschaft.

Die Sache mit dem ewigblauen Himmel stimmte nicht ganz. Es irisierte ein bisschen ins Gelblichgraue hinüber, und es wimmelte etwas in der Luft. Flocken? Ach, wie wohl wäre mir gewesen, wenn es auf gut winterlich in Flocken gestöbert hätte. Aber das waren Eisnadeln, Milliarden mikroskopischer Dolche, atomkleine Splitter von Rasierklingen, die sich mir ins Gesicht bohrten. Ich biss die Zähne zusammen und dachte mit hygienischem Aufschwung: Gott, muss das gesund sein, wenn man da lebendig herauskommt!

Auch mit dem Schneeparkett war etwas nicht in Ordnung. Es zeigte eisige Struktur, bestand aus zusammengebackenen Klümpchen, die das Kunststück zuwege brachten, zugleich sehr holprig zu sein und sehr glitschig zu wirken. Es war mir zweifelhaft, ob ich auch nur die nächste Dorfecke erreichen würde. Aber die Technik überwindet alles. Der Schwede, der meine Verlegenheit bemerkt hatte, kam mir nach und behändigte mir leihweise einen derben Knotenstock mit scharfer Stahlzwinge. Den sollte ich nur immer Schritt für Schritt in das graupliche Gefüge einstossen, dann würde es schon gehen. Und es ging wirklich. Ich humpelte die nächsten hundert Meter über Erwarten gut.

Für den normalen Wanderer ist die Strecke von Göschenen bis Andermatt ein Spaziergang von wenig über eine Stunde. Ich brauchte dazu etwas mehr, nämlich von 9 Uhr früh bis abends 8 Uhr. Streckenweise bewegte ich mich horizontal, je nachdem ich beim Ausrutschen auf den Rücken oder auf den Bauch fiel. Und in diesen Tagen kam mir die berühmte Landschaft nicht sonderlich reizvoll vor.

Desto liebenswürdiger erschien mir im Rückblick Göschenen, denn dort hatte ich wenigstens mein Gepäck, während ich hier ohne Nachthemd und Zahnbürste dasass. Aber man bekommt in Andermatt alles zu kaufen, namentlich auch Vaseline und Borsalbe für den Gesichtsteint, der bei mir infolge der luftigen Eisnadeln an den geschundenen Raubritter erinnerte. Der Wintersport war übrigens wie der Augenschein lehrte, im Urserental nicht recht im Gange. Ich erkundigte mich nach den Matadoren vom Bobsleigh, Ski und Skeleton, ob denn die ausgeblieben wären. Nein, so hiess es, sie befinden sich hier im Ort, sind indes zurzeit nicht sichtbar. Man nannte mir die Namen: den gefeierten Sportlöwen Douglas aus Oxford, den unerreichten Telemarkspringer Hendriksen aus Christiania, den fabelhaften Rennwolfvirtuosen Pfyffi aus Zürich und noch viele andere. Ja, die exzellierten hier schon seit Wochen, nur hätte ich es insofern etwas ungünstig abgepasst, als die Herren gerade heute mit komplizierten Rippenbrüchen in Gips lägen.

Nunmehr nahm ich mir, der erhaltenen Weisung getreu, einen Pferdeschlitten, um durch die Felsenschlucht der Schöllenen und über die Teufelsbrücke, hoch über der kristallisch glitzernden Reuss, zwischen starrenden Felshängen und unermesslichen Abgründen nach Göschenen zurückzukehren, wo der instruktionslüsterne Schwede mich erwartete. Schon schmeichelte ich mir mit dem freudigen Stolz, mein erstes Programm gelöst zu haben, als ein Verhängnis mich ereilte. Denn halbenwegs an einer scharfen Biegung kam mir ein Lastschlitten entgegen, der Baumstämme geladen hatte, so lang wie die Zedern vom Libanon. Die Katastrophe stand vor mir. Undenkbar, an einander vorbeizukommen, und ebenso unmöglich, auf dem abenteuerlichen Schmalsteg zwischen Felsmauer und Schlucht, gleichsam in der leeren Luft umzuwenden.

Nach menschlichem Ermessen musste dieser Zustand fortbestehen bis zum Ende der Weltgeschichte. Falls nicht etwa die Regierung von Uri die beiden Schlitten mit Dynamit auseinander sprengte. Hübscher Ausblick auf Marteln an der Felswand für die Fahrer, besonders zum Andenken an mich, der hierher gekommen war, um sich am Wintersport zu delektieren.

Wie ich aus dieser vermaledeiten Situation herauskam? Ignorabimus. Genug, dass ich einige Tage später an meine heimatlichen Kollegen eine ganz frohlaunige Ansichtskarte zu senden vermochte. Sie war von der italienischen Riviera datiert und enthielt die Mitteilung, dass ich in San Remo endlich ein sehr praktisches Standquartier entdeckt hätte, bei 32 Wärmegraden, also unter klimatischen Bedingungen, bei denen das Gefrorene nur in Form von Vanille- und Mokkaeis gedeiht. Und in einem Pflanzenparadies den Frühsommer im Januar zu erleben, das wäre doch ein ganz lohnender Wintersport.

Seitdem gelte ich bei den Kollegen als hoffnungslos verpfuscht. Sie bearbeiten mich nicht mehr, sie haben nur noch ein sanftes Bedauern übrig für meine unheilbare Perversität.


Neugierig

1943 Max Frisch im Urnerland

Aus Max Frisch, gesammelte Werke:

"Noch 1943 kam es in dieser Gegend, da wir als verschwitzte Soldaten an einem Dorfbrunnen unsere Hemden auszogen und wenigstens den nackten Oberkörper waschen wollten, zu einem Aufruhr; der Priester lief zum Hauptmann, beschwerte sich über unser lasterhaftes Treiben, das die Weiber des Dorfes verderben würde, und als der Hauptmann, ein Städter, darauf bestand, dass wir nach einem Tagesmarsch uns waschen dürften, versicherte der Priester, er und seine Gläubigen hätten in ihrem Leben noch niemals gebadet und stünden unter dem Segen Gottes."


Dahlien

1953 Urner Wochenblatt Blumenverkauf auf Passstrassen

Aus Urner Wochenblatt / Mittwoch, 11.Juni 2008 / Vor 50 Jahren

Blumenverkauf auf öffentlichen Strassen und Plätzen, insbesondere Alpenstrassen und -Pässen

In Anbetracht der festgestellten Auswüchse und Klagen betreffend den Blumenverkauf auf öffentlichen Strassen und Plätzen, insbesondere auf den Alpenstrassen und -Pässen, sowie im Hinblick auf die damit verbundene Störung und Gefährdung des Strassenverkehrs und die krasse Missachtung der kantonalen Verordnungen vom 26. Mai 1908 und 8. November 1945 zum Schutze der Pflanzen, sah sich der Regierungsrat verantlasst, nach Anhörung der zuständigen Gemeindebehörden, folgende Vorschriften mit sofortiger Wirkung zu erlassen:

1. Angesichts der zunehmenden Gefährdung und Verarmung der einheimischen Alpenflora wird der Pflanzenschutz (Ausreissen, Ausgraben, Feilbieten, Versenden und massenhaftes Pflücken) auf a l l e wildwachsenden Alpenpflanen ausgedehnt. - A u s g e n o m m e n hievon ist nur die rote Alpenrose, aus Gebieten, wo sie in schädigender Weise auftritt oder den Weidgang beeinträchtigt.

2. Der Alpenrosenverkauf durch Schulpflichtige ist verboten.

3. Die Alpenrosenverkäufer sind verpflichtet, sich anständig zu behehmen und sich jeder Aufdringlichkeit, Bettelei, Gefährdung des Strassenverkehrs und Übervorteilung zu enthalten; sie müssen anständig und sauber gekleidet sein.

4. Der Alpenrosenverkauf darf nur bis abends 17.00 Uhr erfolgen; an Sonn- und Feiertagen ist der Blumenverkauf während des ganzen Tages verboten.

5. Mit dem Vollzug dieser Vorschriften wird die Polizei beauftrtagt. Sie ist angewiesen, bei der Handhabung strenge walten zu lassen. Zuwiderhandelnde werden nach der Verordnung betr. den Pflanzenschutz vom 26. Mai 1908, Art. 6 und 7, bestraft.

6. Diese Vorschriften haben Gültigkeit für das Jahr 1958. Wird ihnen nicht nachgelebt, behält sich der Regierungsrat vor, ein gänzliches Verbot des Blumenverkaufs zu erlassen.


1959 September / Neue Strassenbeleuchtung in Bürglen

Urner Wochenblatt / Vor 50 Jahren

Mit dem Ausbau der Klausenstrasse durch das Dorf Bürglen wird eine neue Strassenbeleuchtung erstellt. Die erste Teilstrecke von der Schächenbrücke bis zum Hotel Tell wurde kürzlich in Betrieb genommen. Unsere Nachtaufnahme zeigt die taghell beleuchtete Strasse von der Kurve Richtung Meierturm. Die Lichtpunkthöhe beträgt 10 m und die Abstände ca. 35 m, womit bei blendungsfreiem Licht eine möglichst gleichmässige Lichtverteilung erreicht wurde. Vor allem sind die ausserordentlich guten Sichtverhältnisse zu erwähnen.

Die allgemein bekannte Lichtquelle ist die Glühlampe mit einer guten Farbwiedergabe, die jedoch in letzter Zeit bei der Anwendung der modernen Strassenbeleuchtung durch Lichtquellen mit besserer Lichtausbeute ersetzt wird. So ist z. b. bei einer Quecksilber-Leuchtstofflampe die Lichtausbeute dreimal, und bei einer Natriumdampf-Lampe viermal grösser gegenüber einer Glühlampe. Die Quecksilber-Leuchtstofflampe gibt ein weiss-bläuliches Licht, wogegen die Natriumdampflampe ein gelbes Licht ausstrahlt. Wenn wir die Strassenbeleuchtungen im In- und Ausland betrachten, stellen wir eine enorme Entwicklung fest und es scheint, dass auch die Fachleute über die Anwendung und Anordnung nicht immer gleicher Meinung sind.

Anlässlich einer Nachtfahrt hat das EW Altdorf dem Gemeinderat die verschiedenen Ausführungen gezeigt und erläutert, so dass sich dieser für die gemischte Verwendung von zwei verschiedenen Lampen in einer Armatur entschlossen hat. Diese Anordnung wurde seinerzeit erstmals durch die CKW gewählt und hat sich in letzter Zeit vielerorts gut eingeführt. Der Beleuchtungskörper besteht aus zwei ovalen Tiefstrahl-Reflektoren, die mit je einer weissen Quecksilber-Leuchtstofflampe von 125 Watt und einer gelben Natriumdampf-Lampe von 60 Watt bestückt sind. Dies ergibt pro Lampenstelle bei 185 Watt einen Lichtstrom von 9 500 Lumen, was ungefähr einer Watt-Glühlampe entspricht. Am Abend werden beide Lampen eingeschaltet, womit wir ein glühlampenähnliches Licht erhalten. Um Mitternacht wird die weisse Quecksilber-Leuchtstofflampe automatisch gelöscht, so dass nur die gelbe Natriumdampf-Lampe bis zum Morgen weiterbrennt.

Bei diesem einfarbigen Natriumlicht ist das richtige Erkennen von bunten Farbtönen nicht möglich, doch stellt der spät Heimkehrende in bezug auf die Lichtfarbe meistens keine grossen Ansprüche. Diese Lichtquelle hat dagegen andere Vorteile: Die Wirtschaftlichkeit, erhöhte Sehschärfe, niedere Leucht-Dichte zur Verhinderung von Blendung und bessere Kontrastwahrnehmungen, was zur Verhinderung der Verkehrsunfälle sehr erwünscht ist.

Nachdem die frühere spärliche Beleuchtung durch diese moderne Ausführung ersetzt wurde, empfinden sicher die Einwohner dieselbe als reichlich. Doch müssen wir bedenken, dass der Lichtstrom mit der Alterung der Lampen etwas abnimmt und vor allem, dass diese Beleuchtung heute und in weitere Zukunft genügen soll.

Wir möchten an dieser Stelle dem aufgeschlossenen Gemeinderat von Bürglen zur Wahl dieser modernsten Strassenbeleuchtung, und den Bürgern für die Zustimmung bestens gratulieren.

Am


1965 18. April - acht Pfadfinder aus Bergnot gerettet

Was eine leichte österliche Skitour hätte werden sollen, entwickelt sich für eine Zürcher Pfadigruppe zu einem mehrtägigen Drama. Während einer Woche sind sie in einer SAC-Hütte blockiert, ohne jede Verbindung zur Aussenwelt. Eltern und Familien schwanken zwischen Bangen und Hoffen. Das richtige Verhalten der Jungen und die Rettung mit dem Helikopter führen schliesslich zu einem glücklichen Ende.

Die Stille der Berge, die sie ursprünglich ja gesucht hatten, wird jetzt zur Last. Die acht Pfadfinder aus Horgen und Oberrieden realisieren an jenem Ostersonntag, 18. April, dass sie wohl längere Zeit in der Etzlihütte im Urnerland blockiert sein werden. Die ganze Nacht hat es gestürmt und geschneit, am Morgen liegt ein halber Meter Schnee vor der Hütte, und es schneit unaufhaltsam weiter. Am Ostermontag fällen sie den Entschluss, angesichts des Neuschnees und der lauen Temperaturen auf die geplante Abfahrt ins Tal zu verzichten. Eine richtige, aber auch folgenschwere Entscheidung. Niemand weiss, ob sie die Hütte erreicht haben oder beim Aufstieg in eine Lawine geraten sind. Während der nächsten Tage lässt das Wetter weder Rekognoszierungsflüge noch Rettungsaktionen zu. Zu Hause wird die Ungewissheit über das Schicksal der Jungen unerträglich.

Das Missverständnis

Noch bei gutem Wetter sind sie am Karsamstag von Bristen im Maderanertal mit Skiern, Sack und Pack in Richtung Etzlihütte aufgebrochen. Für drei Tage, wie sie glaubten. Angesichts der langfristig schlechten Wetterprognose hatte der Hüttenwart aber angenommen, die angemeldete Tour sei abgesagt worden. Er ergriff deshalb die Gelegenheit, mit einem Helikopter ins Tal zu gelangen.

Die Pfadfinder treffen darum oben eine leere und kalte Hütte an. Es fehlt an Brennholz, und die Lebensmittel, die sie zwei Wochen zuvor hinaufgebracht haben, sind im Vorratszimmer eingeschlossen. Erst nach zwei Tagen wagen sie es, dort "einzubrechen" und ihren Proviant zu holen. Am meisten plagt sie aber der Umstand, dass sie niemanden benachrichtigen und damit beruhigen können. In der Hütte gibt es kein Telefon. Die Zeit, in der jedermann per Handy überallhin Meldungen senden kann, ist noch in weiter Ferne.

Ein kleines Transistorradio als einzige Nachrichtenquelle

Einer der Väter hatte seinem Sohn verboten, sein Transistorradio einzupacken. Dass dieser heimlich trotzdem sein kleines Gerät mitgenommen hatte, hilft ihnen nun. In den Nachrichten von Radio Beromünster vernehmen sie die Vermisstmeldung, die Berichte über die abgebrochenen Rettungsaktionen und die quälende Ungewissheit bei ihren Eltern. Sie hören am Landessender die wiederholten Aufrufe an sie, auf keinen Fall die Abfahrt zu wagen. Auf diese Idee wären sie allerdings nicht gekommen. Vor der Hütte türmt sich eine vier Meter hohe Schneemauer. Sie leben in den folgenden fünf Tagen von Nachrichtensendung zu Nachrichtensendung und vertreiben sich die Zeit mit Jassen. Angst haben sie nicht. Aber sie möchten mitteilen, dass sie in Sicherheit sind. Das Unterfangen, aus dem kleinen Radio einen Sender zu basteln, schlägt fehl.

Riesiges Medienecho - Rettungsaktionen während Tagen erfolglos

Das Interesse aller nationalen Medien kennt keine Grenzen. Sie berichten täglich über das "Bergdrama". Einheimische, Retter und vor allem die Familien stehen unter Dauerdruck. Versuche von Polizei, SAC-Rettungskolonnen und Rettungshelikoptern, zur Hütte vorzudringen, scheitern während Tagen am schlechten Wetter. Die Rettungsflugwacht ist in ihrer vorgeschobenen Einsatzzentrale in Sedrun machtlos. Die Helikopter bleiben im Nebel am Boden. Der "Blick" meldet am Donnerstag auf der Titelseite: "Keine Spur!"

Sie leben!

"Wichtige Mitteilung - wir haben die Etzlihütte erreicht - alle vermissten Pfadfinder befinden sich in der Hütte und sind wohlauf." Dieser erlösende Funkspruch des SAC-Rettungsobmann Pius Condrau am Donnerstag, 22. April, um 12.34 Uhr lässt in Bristen Eltern und Angehörige freudig aufspringen. Die Nachricht verbreitet sich im ganzen Land wie ein Lauffeuer. Der "Blick" meldet am Freitag in grossen, roten Lettern: "Sie leben!"

Das tagelange Bemühen der Rettungsleute findet am nächsten Tag mit der anspruchsvollen Luftrettung seinen Abschluss. Helmut Hugl, Pilot des Heliswiss-Helikopters, bezeichnet später den Anflug und die Landung bei der Hütte angesichts der immer noch schlechen Sicht als "fliegenden Trapezakt". In Sedrun können die Eltern endlich ihre Söhne und Töchter in die Arme schliessen. Der Jüngste der Pfadfinder - später selber Militärpilot - meint: "Mir kommt es vor, als wäre ich ein zweites Mal geboren worden. Vielleicht sind wir alle in diesen Ostertagen ein bisschen erwachsener geworden."

Walter Stünzi

Gönnermagazin der Schweizerischen Rettungsflugwacht

Nummer 77, November 2011

Gemeinde Bauen Wetter Altdorf Copyright webliste.ch Partnerlink photoforyou Partnerlink Venedig

Kontakt

Valid HTML 4.0 Transitional